23. August, Freitag 178. Tag

Der werte Leser möge diesen spät erscheinenden Eintrag über die letzten Tage im größten Land der Welt verzeihen. Doch nach mehreren Tagen veränderten Aggregatzustandes der Verdauungsendprodukte ist Martin erst jetzt wieder in der Lage, Gedanken zu fassen, welche eine Reichweite von mehr als 5 Minuten haben.

Was gibt es zu sagen über diese letzten vier Wochen? Jede Menge! Zunächst ist natürlich der Besuch von Sandra und Tomas zu erwähnen, welche tatsächlich die Mühe auf sich genommen haben, bis zum Ural zu reisen und der traurigen Wirklichkeit Perms die Stirn zu bieten. Wie es sich gehört, haben wir in diesen drei Tagen die Stadt so oft wie möglich verlassen. Nach einer Stadtrundfahrt per Bus (Linienbus, nicht Stadtrundfahrtsbus, so etwas gibt es in Perm nämlich nicht) erschien Nora um Mitternacht und hier wird’s komplex, da sich, seltenerweise, zwei Handlungsstränge nebeneinander abspielen. Zusammen mit dem oft erwähnten Николай Николайевич machten sich Sandra, Tomas und Martin auf in die Eishöhlen von Кунгур. Ja, der Weihnachtsbaum steht noch. Nora dagegen holte Toni vom Flughafen ab, welcher ein Mittagsschläfchen kategorisch ablehnte. Am Abend besuchten wir das Pelmenirestaurant welches auch Nora und Martin an ihrem ersten Tag in Perm heimgesucht hatten. Tags darauf statten wir unserem Lieblingsfluss Нытва noch einen letzten Besuch ab. Der nächste Tag verging damit, Sandra & Tomas nach Moskau zu verabschieden und die Vorbereitungen für unsere Abreise zu treffen.

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Das Wasser im Staubecken hat bemerkenswerte Eigenschaften

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Wir essen ein letztes Mal in einer der vielen Mensen an der Uni

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Wir treffen uns (fast) ein erstes Mal und definitiv ein letztes Mal mit Wohnheimnachbarn

Nun gut, am 8. August erfolgte endlich die Abreise aus Пермь, der unangefochtenen Lieblingsstadt. Nach etwas mehr als 24 Stunden im Zug besuchten wir gezwungenermaßen Новосибирск, die wohl wichtigste Stadt Russlands im asiatischen Teil. Ganz feines Städtchen, in Russland wird zwischen „wichtig Stadt“ und „schöne Stadt“ streng getrennt. Wir verbrachten viel Zeit beim Essen in der Stolovaya und besuchten das Birkenrindemuseum.

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Am besten gefiel Nora im Birkenrindemuseum der Eintrittspreis

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Unsere Fahrt setzte sich fort und nach nunmehr um die 3500 km Fahrtstrecke erreichten wir Irktutsk. Hier sehen zwar die Bewohner schon asiatischer aus, die russisch übliche Unfreundlichkeit unterscheidet sich dagegen nicht vom Rest des Landes. Das Lotus-Hotel sollte uns als Heimstätte dienen, wir bewohnten ein winziges Zimmer, welches kaum mit Frischluft zu versorgen war und jede Nacht pünktlich um halb fünf bellte der verrückte Hund auf dem Warenlager der Containerverkäufer.

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Квас-Verkostung in Irkutsk

Nachdem wir bei Алёна Ли vorgesprochen hatten, erhielten wir eine spezielle Erlaubnis, welche uns ermöglichte, die Kernzone des Nationalparks am Südwestufer des Bajkal zu betreten. Das taten wir auch intensiv. Nachdem wir uns einer der typisch netten russischen Busfahrer nach Листвянка gefahren hatte, stiefelten wir drei Tage lang durch den Nationalpark, links Berge, rechts See. Darüber könnte man nun sehr viel schreiben, aber ein paar Bilder tun hier sicher bessere Dienste.

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Leuchtturm am Nationalparkgebäude

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Wikipedia sagt: “Der Frühling (April/Mai) und der Herbst (September/Oktober) sind mit jeweils nur zwei Monaten sehr kurz. Nachtfröste kann es bis in den Juni hinein geben und dann bereits wieder ab Ende August.”
Dementsprechend kurz ist auch die Wassertemperatur…

Nach dieser Wanderung rumpelten wir wieder stundenlang im Bus nach Irkutsk, um von einer neuen Frau im Hotel, welche weniger unfreundlich, dafür umso verpeilter war, empfangen zu werden. Schon am nächsten Tag ging es ab nach Ольхон, einer Insel im Bajkal. Nach nur 6,5h Fahrtzeit und 1,5h Wartezeit an der Fähre, erreichten wir unser Ziel. Die „Stadt“, welche wir betraten glich eher einem klischeehaften Ort aus Western-Filmen, nur flache Holzhäuser, Staub, Pferde und Kühe. Unser Hostel war angefüllt mit Neu-Hippies, Fahrradtouristen und natürlich uns. In unserem Zimmer stand eine undichte Komposttoilette, wie praktisch, dass wir die zweite Etage bewohnten. Es gab ein Angebot an Exkursionen, der Verkäufer diskreditierte sich allerdings mit dem Spruch „Ach, das vergesse ich doch immer wieder zu erwähnen, es gibt keinen Reiseführer. Ihr werdet nur von einem Taxifahrer herumgefahren, der kein englisch spricht.“ Das heißt, man bezahlt 20 € für eine Reise, die man sich bei jedem Taxifahrer für 5 € klarmachen kann.

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Toilettenzelt am Strand

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Echte Hippies

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Zwei Westernhelden

Nach etwa 40 Stunden auf der Insel traten wir auch schon den Rückweg an, rumpelten wieder fast 7 Stunden nach Irkutsk und waren froh, im Hotel eine Toilette mit Wasserspülung in Reichweite zu haben. Diese wurde ausgiebig genutzt und nach einem Tag Nichtstun in Irkutsk, welcher der allgemeinen Zustandsverschlechterung diente, quälten wir uns am 23. August innerhalb von 16 Stunden wieder in die Heimat, dabei Kohletabletten verzehrend, als wären es Kartoffelchips.

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Spitzenstimmung am Flughafen

Wir sind also wieder da, die Zivilisation hat uns zurück! Damit findet auch dieser Blog sein Ende.  Wir freuen uns, dasser tatsächlich von einigen gelesen und sogar kommentiert wurde. Wir freuen uns darauf, eure Fragen nach Sehens- und Liebenswürdigeiten und der besten Reisezeit für Пермь persönlich zu beantworten :-D Noch eine Hinweis, was so passieren kann, wenn ein halbes Jahr nicht immer viel passiert: Nora ist schwanger.

13-08-15 Bolschoje Kadilnaja

Das letzte Bild soll ein schönes sein. Deshalb hier See und Berge bei Большое Кадилбная.

30. Juli, keine Ahnung 154. Tag

Tadaa, jetzt wird wieder was geschrieben. Der Grund ist diesmal tatsächlich, dass es zu viel zu tun gab! Irgendwann fragten die Engelländer, ob Martin mit ins Museum für Moderne Kunst kommen möchte. Natürlich natürlich, Museen, da isser dabei. Als Startzeit wurde 10.50 festgelegt, selbstverständlich. Doch wie immer, es kam anders, als es zunächst schien. Eine Frau holte uns ab und zeigte uns dann sämtliche Statuen und Denkmäler in Пермь. Da Martin nur sehr wenig geschlafen hatte, entging ihm das meiste, dazu kommt, dass die Führerin in russischem Englisch flüsterte. Tatsächlich besuchten wir dann das Museum für moderne Kunst, auch hier sind Bilder wieder besser geeignet, als jedes Wort. Ein gutes Beispiel dafür, dass es eben doch immer noch schlimmer geht.

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Auseinandergepflükcte und wieder zusammegetackerte Puppen
daneben steht Tom

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“Kugel aus Lehm”

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Auf Leinwand gezogene Fischhäute

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Das rechte Machwerk heißt “Mainacht oder ertrunkene Frau”. Hm, den Namen vom linken Bild hat Martin leider vergessen, aber man erkennt es ja auch so ganz gut.

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Neben bzw. über dem ganzen Plunder gab es doch tatsächlich auch was Schönes zu sehen: Eine National Geographic-Sonerausstellung, welche sich mit, wer hätt’s gedacht, Naturfotos befasst. Viele der Bilder stammen vom Baikalsee.

Tja, nach einer Plinsenverzehraktion besuchten wir dann noch so eine Art Heimatkundemuseum und nach dem zweiten Kaffee saßen wir irgendwo rum unser kleiner Rest der Gruppe schwatzte. Das heißt, Tom aus Sheffield und eine Studentin, welche gut englisch spricht, unterhielten sich intensiv und lange über englische Dialekte. Zwei Studentinnen, welche dem Gespräch aufgrund mangelnder Englischkenntnisse überhaupt nicht folgen konnten, besprachen russische Dinge und Martin, welcher weder dem einen noch dem anderen Gespräch folgen wollte bzw. konnte, zählte vor und zurück, wie viele Tage und Stunden er noch in Пермь sein wird und wie viel er davon schlafend verbringen kann.

Doch zum Schlafen sollte es nicht wirklich kommen und am nächsten Abend riefen Антон & Антон an, zwei Studenten, die wir in Предуралье getroffen hatten. Diese luden Martin zu einem Treffen ein, was wieder schön schief lief. Denn das am Telefon genuschelte „на Компросе“ wurde in Martins Ohren zum „на кампусе“. Tja, beides befindet sich nicht wirklich nahe beieinander. Als sie sich dann letztendlich doch getroffen hatten, fand wieder einer dieser typisch russischen Abende statt: Stundenlang latschten sie durch die Stadt, ohne Ziel, ab und zu gesellten sich Bekannte zu der Gruppe und verabschiedeten sich wieder. Letztendlich landeten wir in einer Wohnung eines Freundes, welcher für sechs Wochen seine Großeltern in der Ukraine besucht. Die Wohnung war ziemlich heruntergekommen, wie das in russischen Wohnungen häufig der Fall zu sein scheint. Doch sollte der Blick auch nicht an nicht hängenden Tapeten hängen bleiben, nein, zentrales Element der Raumgestaltung war ein Fernseher mit einer Fläche von etwa einem Hektar. Darauf wurden dann Kloppspiele und Fußball gespielt. Ohne geschlafen zu haben, zogen sie dann früh um acht wieder los und Martin kaufte noch, bevor er sich zum Schlaf ins Wohnheim begab, einen verschimmelten Käse im „Барс“. Das ist der überflüssigste Laden der Welt! Brot verschimmelt, Käse verschimmelt, alles teuer, sinnlos!

Ach übrigens, der Vodka ist wieder da! Vor einigen Tagen klopfte “Лиза” nachts um vier an die Wohnheimtür und fragte Martin, ob er Vodka hat. Hatte er, dann hatte sie ihn und brachte eine neue Flasche ein paar Tage später zurück, zusammen mit Kartoffel- und Obstpiroggen.

Fast vergessen: Heute erreichte eine Postkarte aus Trinidad unser Wohnheimzimmer. Abgeschickt im April, angekommen im Juli. In mehr als 80 Tagen um die halbe Welt…

25. Juli, Donnerstag 149. Tag

Welch Narretei, fragen doch tatsächlich Leute, warum Nora allein nach Moskau fährt! Zunächst: sie ist dort nicht allein. Denn neben ihrer Familie befinden sich dort weit mehr als 10 Millionen Russen. Vermutlich ist damit die Frage auch allumfassend beantwortet.

Während also Nora sämtliche Friedhöfe bewandert und alle Einkaufszentren am Комзомолски-Prospekt auscheckt, sitzt Martin im Wohnheim in seiner Lieblingsstadt Пермь und macht: nicht besonders viel. Sämtliche Fortschritte des Nytvaprojektes werden wieder ganz professionell unterbunden, die Abende sind langweilig. Es ist handelt sich also um zwei „Anfang der Reise in Perm“-Gedächtniswochen. Um der Verblödung nicht völlig zu erliegen, versucht er, Postkarten zu verschicken. Dazu muss man nur 55 Minuten bei der Post anstehen, anschließend alle Karten in Briefumschläge packen und erneut beschriften. Oder er bezieht die Betten neu. Oder er besucht die staatliche Kunstsammlung (ja, Martin besucht die staatliche Kunstsammlung, allein!).

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Szene am Bahnhof (könnte sich heute vermutlich auch so abspielen)

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Ballettmützchen wurden auch ausgestellt

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Diese Sammlung von kirchlichen Statuen (der richtige Begriff ist mir entfallen) ist angeblich in ganz Russland berühmt. Liegt vielleicht daran, dass diese Engel aussehen, als wären sie das Vorbild jeder metal-crowd:
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Festung Königstein, ohne Scherz!
Zur Zeit gibt es in der Galerie eine Russland-Deutschland-Ausstellung. Das Thema ist mir allerdings entfallen.

Nun, so brachte er einige Zeit rum und gestern war ein Jubiläum fällig: Nein, nicht, dass wir eine bestimmte Anzahl von Stunden, Tagen oder Wochen hier sind. Sondern, dass wir in genau einem Monat wieder zu Hause sein werden. Und um das Jubiläum so richtig festlich zu machen, gab es kein warmes Wasser mehr im Wohnheim. Doch nach einer Woche Wartezeit gibt es heute wieder einen Durchfluss, wenn die warme Seite des Wasserhahns aufgedreht wird. Doch was da durchfließt, ist kein warmes Wasser, nein, es hat dieselbe Temperatur, wie das Wasser auf der kalten Seite. Allerdings ist es schön rot, so dass man es gut vom kalten Wasser unterscheiden kann. Selbst nach einer Woche eiskalter Dusche stellt sich da noch keine Gewöhnung, geschweige denn Wohlgefühl ein. Doch wollen wir hier nicht lamentieren, schließlich existiert die Erde seit Milliarden von Jahren, was ist da schon eine Woche. Bedenklich würde es aber, wenn das noch ein paar Milliarden Jahre so weitergeht. Dann dürften aber auch sämtliche Geschirrteile eine derart dicke Öl- oder Fettschicht haben, dass sich der Einsatz von Geschirrspülmittel vollends erübrigt. Ungeachtet der Tatsache, dass nur noch knapp fünf Leute im Wohnheim wohnen, wird die Küche nachts abgeschlossen und die Duschen am jeweiligen Sanitärtag ebenso verriegelt.

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Die rote Suppe tropft ins Waschbecken

Die Briten sind am Dienstag (wann auch immer das war) zum Базеги-Nationalpark abgereist. Einerseits ist Martin darüber sehr traurig, da es kaum Ablenkung für ihn gibt. Andererseits gehen ihm diese ständigen Fragen nach Пермь und Москва auf den Keks. Die Briten wollen allenthalben gern wissen, ob wir den „amusement park“ oder den Zoo oder dieses oder jenes Gebäude gesehen haben und was wir davon halten. Es ist unseren Freunden von der Insel scheinbar unbegreiflich, dass Martin lieber heute als morgen die Stadt verlassen würde. Nur Tom denkt ähnlich und stellt sich tot, wenn es darum geht, Ausflüge oder Exkursionen zu unternehmen. Der tatsächliche Versuch, die Stadt zu verlassen, wird immer wieder durch fehlende Ziele verhindert. In die Natur kommt man nur mit russischer Hilfe und sämtliche großen Orte im Permischen Rand sind mit gutem Gewissen als kulturelle Katastrophe zu bezeichnen. Die Idee, noch einmal eine preisgünstige Zugreise innerhalb des Randes zu unternehmen, wird durch folgende Wikipediaeinträge schnell wieder fallen gelassen:

Beresniki: Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Einwohnerzahl um ungefähr 15.000 gesunken, da die Lage und die Bedingungen für eine erfolgreiche Entwicklung in Beresniki und Solikamsk äußerst ungünstig sind. Die von Perm kommende Eisenbahn endet in Solikamsk. Auch die asphaltierten Straßen führen nur in Richtung Süden. Die Kama ist erst ab Solikamsk schiffbar. Damit verfügen die beiden Städte zwar über ein gewaltiges Potential an Bodenschätzen, jedoch über keine gute Verkehrsanbindung.

Solikamsk: Aufgrund der vielen und großen Industriebetriebe, vor allem des Magnesium-Kombinates, ist die Umgebung der Stadt, die Wälder, die Luft und auch die Kama stark verschmutzt.

Lyswa: Auch heute noch ist die alte Eisengießerei – heute als Lyswaer Metallverarbeitungswerk bezeichnet – der wichtigste Industriebetrieb der Stadt. Außerdem gibt es eine Fabrik zur Herstellung von Turbogeneratoren, ein Stahlbetonwerk, mehrere Betriebe der Textil- und der Nahrungsmittelindustrie. Im Umland wird Landwirtschaft betrieben sowie Eisenerz und Steinkohle abgebaut.

Kudymkar: Über eine Landstraße ist die Stadt mit Perm verbunden, ein Eisenbahnanschluss ist jedoch nicht vorhanden.

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Пермь ist einfach Пермь

16. Juli, Dienstag 140. Tag

Пермь hat uns zurück in seinen Klauen. Nach nunmehr genau zwei Wochen im russischen Niemandsland sind wir wieder in unserer Lieblingsstadt. Zwei Wochen, in denen sich mehr ereignete, als in den ersten zwei Monaten unseres Aufenthaltes. Einen Tag später als geplant ritten wir wieder in Предуралье ein. Unser Chef, Дмитри Евгеневич hatte Windpocken und hielt sich deshalb ausschließlich in seinem Häuschen auf, naja, eher Hütte. Wir hatten deshalb nichts zu tun und verschliefen den ersten Tag, unterbrochen nur von Essenspausen. Den Abend verbrachten wir bei den Menschen der Охрана und bekämpften die Водка-Vorräte dieser Welt. Es war klug von uns, selber eine Flasche mitzubringen, denn Евгени, unser Kontaktmann bei der Sicherheit, hatte zwar Vorräte in Пермь besorgt, dieser aber während unserer Abwesenheit auch gleich selbst             wieder ausgetrunken. Martin wohnte ab diesem Tag übrigens bei seinen Hydrologenkollegen, zu zehnt in einem Zimmer. Er hatte das einzige Bett, neben dem ein Hakenkreuz an der Wand prangte. Ganz toll. Für den nächsten Tag hatten wir eine Aufgabe, die wir aber aus russischen Gründen nicht bearbeiten konnten. Es fetzt einfach in Russland. Abends aber kam Слава, unser Нытва-Kollege und wir verbrachten den Abend auf unserem neu gebauten Steg sitzend und Бальзам trinkend bis zum frühen Morgen. Dieser frühe Morgen war kaum als solcher zu erkennen, denn zu keiner Zeit war es stockdunkel, die Sonne verabschiedete sich nur kurz hinter dem Horizont. Nach nur drei Stunden Schlaf wurden wir am nächsten Tag von Денис, dem nächsten russischen Unheilsbringer, geweckt. Denn JETZT, ja genau, JETZT, musste der Durchfluss von uns bestimmt werden. Neben der Spur warf Nora als Holzstücke von einem Boot aus in den Fluss und stoppte die Zeit. Martin maß die Winkel, in denen das Holzstück am Ufer vorbeizog mit einem Theodoliten. Da das Ganze auf russische Art und Weise ablief, stimmen unsere Ergebnisse, oder eben auch nicht.

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Nora wirft hochprofessionell Holz ins Wasser

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Martin prüft das hochprofessionell mit dem Theodoliten

Am Nachmittag stellte uns eben jener Денис, ein Kollege aus dem Jahrgang von Слава, viele Fragen, welche im Prinzip aber immer den gleichen Inhalt hatten. Da auch er, wie für junge, gut ausgebildete Russen üblich, praktisch kein englisches Wort aussprechen oder verstehen konnte, erkannte Martin erst spät, dass es nicht an ihm lag, dass diese Fragerei sonderbar war. Am Abend fragten Martins Zimmergenossen, ob er am Водка-Trinken teilnimmt. Na klar, die Nacht davor war ja auch schon keine Nacht. Doch wurde diese Veranstaltung nicht, wie sonst üblich, im Zimmer zelebriert, nein. Wir wanderten ein ganzes Stück, setzten uns dann an den Fluss und kochten Fischsuppe aus selbst gefangenen Fischen. Die Frage, warum Nora nicht dabei ist, konnte er nicht beantworten. Es scheint da geheime Zeichen oder Gesetze zu geben, wann eine Trinkerei im Zimmer stattfindet und wann sie, getarnt als Kochveranstaltung, an einem Flussufer stattfindet. Von den vier Litern Suppe hatte Martin dann gefälligst auch die Hälfte zu verzehren, während die zehn Russen den Rest verspeisten.

Der nächste Tag lässt sich so zusammenfassen: Wir beobachten unsere Kollegen bei der Arbeit und wurden anschließend gefragt, ob wir 24 Stunden auf einem Stein sitzen wollen. Das taten wir dann am Tag danach, ab 21.00. Man kann’s kaum beschreiben, dennoch versuchen wir es: Für die Meteorologiestudenten, welche im nächsten Jahr ein Praktikum absolvieren, sollten Temperaturen über 24 Stunden stündlich gemessen werden. Dies geschah in der Basisstation, mitten im Wald, auf halber Höhe des Felsens (da waren wir) und auf dem Scheitel des Felsens. Dort saßen wir also, gaben stündlich Temperaturen in 0,2 m, 0,5 m, 1,0 m, 2,0 m, jeweils als Feucht- und Trockentemperatur an. Zwischendurch suchten wir unsere Kollegen auf dem Scheitel des Felsens auf und tranken Водка. In der Nacht schliefen wir (welch Euphemismus) frierend auf der blanken Erde. Nach 24 Stunden wurde uns per Walkie-Talkie mitgeteilt, dass wir noch mal drei Stunden drauflegen sollen. So krochen wir nach 28 Stunden wieder vom Berg und mussten an der Fährstelle nur noch 30 Minuten warten, bis sich endlich jemand bereit erklärte, uns abzuholen. Die Russen nahmen das wie üblich gelassen, Martin war leicht ungeduldig. Die Aussicht vom Stein war übrigens großartig, wir überblickten unser Camp auf der anderen Flussseite, den Fluss mit selbst und thronten über dem Gleis der Transsibirischen Eisenbahn, welche zweimal täglich unter uns entlangfuhr. Das Abendrot ging nahtlos in ein Morgenrot über und am Tag konnten wir die Sonne dabei beobachten, wie sie einen großen Bogen beschrieb. Der Raubvogel, auf dessen Fressplatz wir hausten, hatte nur wenig Verständnis für die Wissenschaft, die wir da betrieben und schrie uns voll. Kling vielleicht alles sonderbar, war aber großartig.

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Die Wissenschaft schläft auch bei Regen nicht

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Die Wissenschaft schläft auch nachts nicht

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Tagsüber schlummert die Wissenschaft eventuell etwas

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Im Hintergrund das Gleis der Transsib

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Die beiden Bäume im Vordergrund sind dieselben wie im Bild drüber

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Das nächste wichtige Ereignis war unsere Exkursion nach Кишерть, einem dieser kleinen Orte, 20 Minuten mit der SBahn entfernt. In Süditalien und Frankreich wäre dieser Ort sicher hübsch oder könnte mit „pittoresk“ beschrieben werden. In Russland sind kleine Orte im Nirgendwo einfach unerträglich hässlich. Häuser zu verputzen gilt hier vermutlich als Charakterschwäche. An diesem Bahnhof saßen wir dreieinhalb Stunden, was wir vorher aber nicht wussten. Die Russen, wie immer, ganz geduldig. So eine kurze Wartezeit lässt einem Russen nicht den Puls steigen, da kriegt keiner Haarausfall oder feuchte Augen. Wir vertrieben uns die Zeit damit, Sonnenblumenkerne aus ihrer Schale zu pellen und in uns hineinzuwerfen. Dann, um die Mittagszeit ging es auf, ab zum Fluss. Dort stiegen wir in Boote, wovon nur eines einen Motor hatte und die anderen mit zog. Unser aus der Verbannung zurückgekehrter Chef war wieder fleißig am Rauchen und schlief in Yogastellung auf dem Boot. Auch der Professor der Biologen nahm eine Schlafstellung ein, in der normale Menschen nicht mal atmen können. Seltsam fand das außer uns allerdings kaum jemand.

Irgendwann war dann die Zeit zur Abreise gekommen. Unerwartet früh, nämlich am 12. Juli, anstelle des zunächst geplanten 17. Juli sollte es losgehen. Die am ersten Tag des Aufenthaltes gekauften Essensscheine konnten, nein nicht gegen Geld, sondern gegen Waren aus dem winzigen Geschäft, welches täglich eine Stunde geöffnet hatte, eingetauscht werden. So zogen unsere Kollegen mit Tüten voller Sonnenblumenkerne, hartem Brot, Zigaretten, Snickers und Saft los, um all diesen Krempel entweder weiterzuverkaufen oder zu verschenken. Wir dagegen entschieden uns, wie das in Deutschland üblich ist, eher am ursprünglichen Plan festzuhalten und noch ein paar Tage zu bleiben. Also zogen wir ins Haus der Sicherheitsfachleute und fuhren am nächsten Tag erneut nach  Кишерть, um dann in einem Gummiboot eines der Sicherheitsfachleute wieder zurückzupaddeln. Das war wunderbar, kann man anders nicht sagen. Nach vier Stunden des mehr Treibenlassens als tatsächlichen Paddelns, erreichten wir Предуралье und erwischten unsere Kollegen bei der Abreise.

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Scheener kleener Ort

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Unser Boot befindet sich in diesem Sack

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Nach dem Abendessen, als hätte es noch nicht genug Überraschungen gegeben, tauchten die Studenten aus Oxford auf. Seit Monaten ging das Gerücht um, dass vier Personen aus Oxford in dieses Camp kommen würden. Tatsächlich fanden drei Mädels den Weg. Der Vierte, Tom, war nicht anwesend, er befand sich noch im Krankenhaus. Er hatte nach einer tüchtigen Sauferei mit einem Professor dann noch einmal den Kanister mit Водка angesetzt, was ihn direkt, ohne über „Los“ zu gehen ins Krankenhaus beförderte. Das kannte er aber schon, schließlich hatte sein Körper bei dem Versuch, drei Schachteln Zigaretten am Stück zu rauchen, ebenfalls schon einmal kapituliert. So zogen wir mit den drei Studentinnen, Rachel, Cathy und Emma, welche praktisch kein Wort russisch sprechen, am nächsten Tag mit dem Professor „Käfer“ los (der heißt auf Russisch wirklich so) und betrachteten allerlei dies und das. Маша, eine der wenigen englisch sprechenden Russinnen, war auch dabei und übersetzte fleißig. Wenn sie nicht weiterkam, halfen wir, indem wir von Russisch nach Englisch übersetzten. Man möge sich den letzten Satz noch einmal durchlesen.

Nun sei auch noch der nächste Tag erwähnt, als wir zur Vögelexkursion aufbrachen. 20 Russen, drei Engelländer und wir zogen durch Wald und Flur, um Vögeln zu lauschen. Es ging, wieder einmal, nach Кишерть. Nach mehrfacher Warterei, deren Sinn wir wieder einmal nicht verstanden, setzten wir tatsächlich über den Fluss über. Natürlich fragen wir immer, warum und worauf wir gerade warten. Unsere geschätzten Kollegen antworten dann aber immer, dass sie das auch nicht so recht wissen. Es interessiert sie auch nicht besonders, dann warten sie eben. Wir wissen nicht, ob wir sie um diese Fähigkeit der ergebenen Geduld beneiden oder bemitleiden sollen.

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links Маша, dann Emma, Rachel, Martin, Cathy und die Botanikprofessorin

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Rashomon

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Gut getarnt warten wir in der Bushaltestelle. Worauf, wissen wir nicht!

Am Abend vor unserer Abreise verspachtelten wir mit den vier Engelländern, denn auch Tom war mittlerweile wieder aus dem Krankenhaus verdunstet, im Feuer erwärmtes Gemüse, welches wir zuvor in Кугнгр gekauft hatten. Ab und zu kamen Russen vorbei, welche ein paar Meter weiter eine private Disko im Auto betrieben und fragten die Engelländer, was sie über russische Gangster wissen.

Nun endlich am 16. Juli, also heute, reisten wir ab. Der Jüngere der Охрана-Menschen trug unser Gepäck zur Fährstelle, einige Biologen begleiteten uns, Юлияна verabschiedete sich und einer unserer Kollegen paddelte uns an das andere Flussufer.

Am Abend vor unserer Abreise verspachtelten wir mit den vier Engelländern, denn auch Tom war mittlerweile wieder aus dem Krankenhaus verdunstet, im Feuer erwärmtes Gemüse, welches wir zuvor in Кугнгур gekauft hatten. Ab und zu kamen Russen vorbei, welche ein paar Meter weiter eine private Disko im Auto betrieben und fragten die Engelländer, was sie über russische Gangster wissen.

Nun endlich am 16. Juli, also heute, reisten wir ab. Der Jüngere der Охрана-Menschen trug unser Gepäck zur Fährstelle, einige Biologen begleiteten uns, Юлияна verabschiedete sich und einer unserer Kollegen paddelte uns an das andere Flussufer.

In Пермь empfingen uns dann wieder die wohl bekannten Militärflugzeuge, welche über die Stadt donnern, heute in Viererformation.

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Die Jungs spielen Fußball…

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… und die Mädels gucken zu, gut vor Mücken geschützt. Und vor diesen irren winzigen Fliegen, die kräftig beißen können.

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Den Windschutz für den Regenmesser derart akkurat anzubringen, dauerte einige Zeit. Mag daran gelegen haben, dass der Chef ständig eine Zigarette im Mund hatte und deswegen von niemandem verstanden wurde.

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Jede Schraube des Gleises wird von Hand nachgezogen

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Links der Freund von Шеня (der steht daneben), dann Maritn, Nora und Михаел

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Lagerfeuer mit den Engelländern

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Klara! Alles Gute nachträglich zum Geburtstag :-)

30. Juni, Sonntag 124. Tag

Nach zwei Wochen in der russischen Wildnis sind wir für wenige Tage in Пермь, um uns mit legalen Drogen vollzustopfen, bevor wir wieder in der Versenkung verschwinden. Deshalb haben wir Gelegenheit, kurz zu berichten, was sich in den vergangenen Tagen zutrug:

Am Mittwoch, 19. Juni ging die Reise vom Campus aus im Bus los. Da wir Предурал schon mal gesehen hatten, war es keine große Überraschung für uns, nach zweistündiger Busfahrt neben einem Fluss, zwischen zwei Bergketten entlassen zu werden. Da alle 18 Betten in dem Zimmer, welches für die Jungs der Hydrologiestudenten vorgesehen war, schon belegt waren, musste Martin ins Haus der Wachleute ziehen. Sicherheitsmänner in Russland sind wieder mal ein Kapitel für sich.

In jedem Laden stehen sie in Tarnkleidung und gucken grimmig. In Предурал allerdings handelt es sich um einen alten und einen jungen Mann, beide in Alltagsklamotten, welche den Großteil des Tages auf der Veranda ihres Hauses verbringen und ab und an, auf Hupsignal, die Schranke öffnen. Der ältere Wachmann hielt scheinbar nicht so viel von Martins Karriere als Zivi, er selbst war Scharfschütze in der Armee und richtete sein Fadenkreuz früher immer mal wieder auf Tschetschenenköpfe. In Russland gilt man im Allgemeinen wohl nicht als schlechter Mensch, wenn man sich aktiv an Kriegen beteiligt. Eines Abends hatte Martin auch das große Vergnügen, nein, Ehre muss man hier wirklich sagen, von eben jenem Wachmann in die Баня, welche eigentlich nur Mitarbeitern des Camps zur Verfügung steht, eingeladen zu werden. Dieses Erlebnis wird wohl unvergessen bleiben. Normalerweise herrschen in diesen Holzhütten Temperaturen von etwa 85 °C, in diesem Falle müssen es wohl aber noch mal 10 Kelvin mehr gewesen sein. Außerdem wurde der Zivi vom Veteranen nicht, wie üblich, mit Birkenwedeln geschlagen, sondern mit einem Strauß aus Fichtenzweigen.

Der jüngere der Beiden pflegt Martin gelegentlich auf sein Interesse an Vodkakonsum zu überprüfen und bietet fast täglich welchen an. Nachdem die beiden einmal eine Flasche geleert hatten und der Nachmittag so langsam anbrach, bot der Wachmann auch den anderen Studenten im Haus etwas an, erinnerte sich dann aber, dass das für Studenten im Camp verboten ist. Warum für Martin eine Ausnahme gilt, weiß man nicht. Diese Ausnahme gilt allerdings ebenfalls für unseren Chef, dessen Name hier vorerst nicht genannt sei. Dieser pflegt nicht vor 13.00 zu erscheinen (Praktikumsbeginn ist um 9.00), hat ständig eine Zigarette in der Hand und riecht ununterbrochen nach Wein. Nachdem unsere Anfrage nach einer einwöchigen Pause vom Praktikum für einen Aufenthalt im Nationalpark für einige Diskussionen gesorgt hatte, vermuteten wir, dass er uns nicht besonders mögen würde. Doch diese „Angst“ war unbegründet, schließlich befahl er uns nicht, dahin zu gehen, wo der Pfeffer wächst. Im Gegenteil, er empfahl uns, in die Operette von Ekaterinburg zu gehen und dort „Mister X“ zu schauen.

Diese Sache mit den legalen Drogen ist in Предурал auch wieder so ein Ding. Es gibt ein Geschäft, welches eher ein Bauchladen ist und täglich von 20.00 – 21.00 geöffnet hat. Dort kann man Schokolade, Wasser, Äpfel und natürlich Zigaretten nebst Feuerzeugen kaufen. Alkohol ist dagegen streng verboten, obwohl dieser zuweilen dringend nötig wäre, um das angebotene Essen zu ertragen. Es gibt täglich Frühstück, Mittag- und Abendessen, was man aber anhand der Sachen, die auf dem Teller liegen, nicht unterscheiden kann. Ständig gibt es Kotelett mit Buchweizen und Kompott. Jawoll, klingt gut, ist es aber leider nicht. Unter Kotelett versteht man in Russland nämlich eine, man kann’s kaum so nennen, Bulette minderster Qualität. Dabei handelt es sich um zermörsertes Fleisch, welches mit Reis oder Brot gestreckt und dann zusammengeklumpt wird. Der Buchweizen ist trocken, so dass das Wort „Würfelhusten“ eine neue Bedeutung bekommt. Auch das Wort Kompott ist irreführend. Denn in Russland handelt es sich hierbei nicht um eine Nachspeise, sondern um ein Getränk, welches aussieht, als würden Gehirne in einer trübgelben Flüssigkeit schwimmen. Diese nahezu alternativlose Verpflegung kostet uns täglich knapp 6 € je Person. Erwägbar wäre ebenfalls eine Nahrung, welche nur aus Instant-Suppen besteht, welche man sich aber vorher mitbringen muss, schließlich gibt es diese nicht im Camp zu kaufen. Tatsächlich wird dies auch von einigen unserer Kollegen so durchgezogen.

Eigentlich sind wir ja aber zum Arbeiten dort und nicht, um fett zu werden. Aber auch das Arbeiten stellt zuweilen ein Problem dar. Da es weniger Nivelliergeräte als Nivellierpaare gibt, hatten wir in den ersten drei Tagen ausgiebig Gelegenheit, uns unseren Interessen zu widmen. Hierzu zählt beispielsweise das Errichten eines Bootssteges. Da es zu einer gekauften meteorologischen Station scheinbar nur eine englische Bedienungsanleitung gab, hatten wir die Ehre, eben jene zu errichten. Immerhin, die Leute im Camp sind begeistert.

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Martin und drei Lehrer stehen um die Anzeigeeinheit der meteorologischen Station

Als wären es der Überraschungen noch nicht genug, tauchten eines vormittags unsere Kollegen aus dem 4. Studienjahr auf, um einen Tag hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen zu verbringen. Aber hey, zwei Stunden später stand auch noch Николай Николаевич auf der Matte, weil er mit seiner Frau in einem Gummiboot den Fluss hintergepaddelt war.

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Wir nivellieren!

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Eine der seltenen Gelegenheiten, ein Foto vom Chef zu machen

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Martin am ersten Hydrologischen Posten

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Nora vor ihrem ersten Sonnenstich

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Wir bauen einen Steg!

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Wir gehen immer ohne Licht auf’S Plumpsklo, da wir befürchten, dass es explodiert, sobald man die Lampe anschaltet

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Ohne Worte, weil’s so schön ist :-D

Es gäbe noch so einiges aus der Versenkung zu erzählen, aber wir wollen erstmal über den Базеги-Nationalpark erzählen. Wir verabschiedeten uns vorerst von Предурал, setzten mit einem Boot über den Fluss, warteten im Nirgendwo auf einen Zug, fuhren nach Пермь (unsere Lieblingsstadt), am nächsten Tag drei Stunden mit dem Autobus und anschließend in einem barkas-ähnlichen Vehikel noch einmal 80 Kilometer in drei Stunden über eine Schlaglochpiste. Dabei überrollten wir tausende Schmetterlinge, welche paarungsbereit den Weg zupflasterten. Wir selbst waren nach unserer Ankunft nicht mehr ganz paarungsbereit, so sehr waren wir durchgeschüttelt. Immerhin wurden wir nicht mehr von dem überrascht, was vor uns lag, denn wir haben es uns mittlerweile abgewöhnt, vorausahnen zu wollen, was uns erwartet und sind kaum noch überraschungsfähig: Normalerweise ist es Touristen mit speziellem Passierschein erlaubt, eine spezielle Hütte im Nationalpark zu bewohnen und genau einen speziellen Berg zu besteigen. Wir jedoch als gute Freunde eines guten Freundes des stellvertretenden Direktors der Nationalparkverwaltung hatten die Möglichkeit, im Haus des schichtschiebenden Rangers zu wohnen und alle drei Berge der näheren Umgebung zu besteigen. Wir schliefen, wie es in Russland üblich ist, zu zweit in einem 90 cm breiten Bett, welches bei jedem Gedanken zu quietschen und knarzen begann. So zogen wir zwei Tage lang auf die Höhen des Grenzgebirges zwischen Europa und Asien. Dabei mussten wir Sümpfe durchqueren, wie wir es zuvor nie erlebt haben. Zwei Stunden lang zogen wir in Stiefeln durch Matsch, zwischen Farnen hindurch, belagert von Stechmücken. An jeder Quelle hielten wir, um hydrobiologische Proben zu nehmen und bestiegen anschließend eine weitere Stunde den höchsten der Berge im Nationalpark. Mehr Worte seien hier darüber nicht verloren, wir wollen Bilder sprechen lassen.

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Jeder weiße Fleck ist ein Schmetterling, nur nicht der große Fleck rechts

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In Deutschland auf der Roten Liste, in Russland in Mengen vorhanden: eine Gelbrandkäferlarve (im Glas)

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Jeder der dunklen Flecken links neben dem Stiefel ist eine bald verendende Kaulquappe

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Zwei Stunden lang bis zum Ende des Stiefelschaftes durch den Sumpf auf den Berg

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Das war auf dem Hinweg…

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Der Rückweg, am Fuße des Berges im Hintergrund ist unsere Hütte zu erahnen

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Landschaft mit Hydrobiologen

13-06-27_04 zwischen Nord- und Mittelbasegi, rechts Nordspitze

Die Steine im Vordergrund und der Berg rechts im Hintergrund stehen auf der Grenze von Europa zu Asien

 

18. Juni, Dienstag 112. Tag

Es ist der 18. Juni. Letztendlich wird dies der letzte Tag vor der Stille sein. Nachdem der Termin viermal verschoben wurde, werden wir morgen nach Предуралье abfahren. Der aktuelle Plan sieht vor, dass wir uns dort eine Woche aufhalten, dann für eine Woche in einen Nationalpark verschwinden und dann noch mal für zwei Wochen nach Предуралье zurückkehren, insgesamt also vier Wochen bis zum 17. Juli ohne Handy und Internet überleben (werden) (müssen).

Doch noch ist Zeit über die letzten Stunden zu berichten. Gestern hatten wir nach einer intensiven Kartenschreibaktion die optimale Zeit um 18.00 genutzt, um die Post aufzusuchen. Martin hatte vorher eine nicht ganz so optimale Zeit genutzt, um verschiedene Zettel auszudrucken, beispielsweise die Fahrpläne aus dem Nirvana und zurück. Damit war’s auch schon geschehen.

Heute besuchten wir wieder einmal die Wäscherei, wir sind dort mittlerweile gut bekannt. Während unsere Klamotten in den Waschmaschinen ihre Runden drehten, besorgten wir uns im nahe gelegenen Виват das für Ausflüge obligatorisch selbst mitzubringende Klopapier. Auch sonst alles wie immer, bei McDonald’s bekamen wir statt dem bestellten Softeis einen McFlurry, wir wissen immer noch nicht, woran das liegt. Außerdem planten wir wieder mal, wie so oft, unsere Fahrt an den Байкал. Problematisch ist nämlich, dass die Züge zur Sommerzeit teurer als sonst und sofort nach Freischaltung 45 Tage im Voraus nahezu sofort ausgebucht sind. Eine unserer Alternativen sieht vor, einen Tag eher aus Пермь zu verschwinden und dafür eine Nacht länger in Новосибирск zu verweilen. Das wäre einerseits gut, weil wir dann einen Tag eher aus Пермь rauskämen, andererseits wäre es schlecht, weil wir dann eine Nacht länger in Новосибирск sein würden und das kann ja keiner wollen. Außerdem haben wir unser Zimmer geputzt, das heißt, wir haben die allgegenwärtigen Pappelpollen auf einer Seite des Raumes aufgewirbelt und an einer anderen Stelle haben sie sich dann wieder abgesetzt.

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Jaaaaa, er lebt (und putzt) noch!

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Ninja-Bienen gibt es in Russland häufiger, die sorgen für Bienenzucht und Ordnung

16. Juni Sonntag, 110. Tag

Das große Bus-Wochenende geht zu Ende und wir zittern noch immer. Nicht vor Angst bzw. nicht hauptsächlich, sondern aus Gewohnheit. Was gestern mit einer Stadtrundfahrt im Linienbus begann, endete heute mit einer wüsten Schaukelei in der krassesten Rumpelkiste, die durch die ehemalige Sowjetunion „rollt“.

Nachdem wir uns gestern entschieden hatten, endlich mal den Kamastaudamm, einen der größten auf der Welt, zu besichtigen, bestiegen wir einen Stadtbus, latschten anschließend über das Bauwerk und beobachteten ein Schiff in der Schleuse. Die Rückfahrt in einem anderen Bus dauerte über eine Stunde, doch für 32 Cent kann man sich das leisten. Anschließend statten wir unserem schönen Lieblingsbahnhof einen Besuch ab und kauften Noras Ticktes für Zentralrussland Ende Juli. Wir hatten das schon mal am Vormittag versucht, uns aufgrund der Schlangenlänge vor den Kassen aber  dagegen entschieden. Und siehe da: am Abend warteten wir keine fünf Minuten und nach nur 15 Minuten Bearbeitungszeit hatten wir die Fahrscheine in der Hand.

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Da freut sich der WaWi: Perms alte Sehenswürdigkeit, der Staudamm, genauer gesagt, die Schleusenkaskade

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Perms neueste Sehenswürdigkeit: Das Denkmal Popovs

Nach einer kaum beschlafenen Nacht fanden wir uns dann heute, am Sonntag um 7.30 vor der Leninoper wieder, vor der uns Николай Николаевич erwartete. Wir tobten zur Pädagogenfakultät, genauer, zu den Biologen. Es war geplant, dass wir einen Ausflug von Biologen in die „Steinstadt“ begleiten. Das kann in Russland alles und nichts bedeuten. Vor unserem inneren Auge sahen wir einen Bus voller Studenten und Professoren, welche einen Ausflug in die Steinstadt machen, um dort vielleicht irgendwelche Proben zu nehmen. Da das Einzige, was wir in Russland sicher abschätzen können, die Ungewissheit ist, packten wir einen Rucksack mit Esskram und einen mit warmen Klamotten voll. Welch Überraschung, wir lagen weit daneben: Aus dem Gebäude strömten 16 Personen mit Rucksäcken groß wie Schrankkoffer. Geplant war nämlich ein einwöchiger Paddelurlaub. Aber nicht für uns, wir ließen uns nur bis zur Steinstadt mitnehmen. Den Spruch „besser schlecht gefahren, als gut gelaufen“ wird man noch mal überdenken, wenn man auch nur ein Stück mit dem Bus gefahren ist, der uns heute transportierte: Eine ausrangierte маршрутка (wer diese Teile kennt, wird sich fragen, was man mit einer ausrangierten noch anstellen kann, außer sie zu verschrotten) wurde scheinbar dem Altmetallhandel abgeschwatzt und in die Spur gesetzt. Wenn der Bus jemals eine Kupplung besessen hatte, so war diese entweder ausgebaut, oder der Fahrer machte einfach keinen Gebrauch von ihr. Jeder Gangwechsel war für ihn harte Arbeit. Das ist kein Scherz und keine Übertreibung, bei jedem Schaltvorgang sah man dem Fahrer seine Mühe an, den Knüppel ohne Kupplung in die richtige Position zu zwängen, die Geräusche des Getriebes waren grauenhaft, die Russen störten sich aber nicht dran. Da zudem noch der zweite und vierte Gang fehlten, quälten wir uns jede noch so kleine Steigung im ersten Gang hoch. Die Drehzahl ging dabei dermaßen in die Höhe, dass man sich im Bus selbst kaum noch verstand. Auf dem Gipfel angekommen wurde bei Schrittgeschwindigkeit der dritte Gang eingelegt und wir beschleunigten atemberaubend langsam, um am nächsten Anstieg das Schauspiel von neuem zu erleben. Sämtlicher verfügbarer Platz war mit Personen und Gepäck voll belegt und die Sitzlehnen so niedrig, dass wir unseren Schlaf nicht nachholen konnten. Eine ganz prächtige Fahrt war das. Anschließend patschten wir wie vibrierende Zombies durch’s Gemüse in die viel beschworene Steinstadt, welche man sich ganz gut als verkleinerte Ausgabe der Sächsischen Schweiz vorstellen kann. Nach neunzig Minuten machten wir uns wieder auf den Rückweg, diesmal nur zu dritt (plus Fahrer natürlich). Wir ließen uns wiederum vier Stunden lang (für eine unvorstellbar lange Strecke von knapp 200 Kilometern) müde schaukeln und an einer gottverlassenen Tankstelle am Rande von Пермь entschuldigte sich der Fahrer mit den Worten „ich fahr den Bus jetzt in die Garage“ für unseren Rauswurf. Also noch zweimal Bus fahren und nach etwa zwölf Stunden Fahrt für hundert Minuten sightseeing waren wir wieder im Wohnheim.

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In der russischen Sächsischen Schweiz

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Schon wieder Hydrobiologen bei der Arbeit

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Unser Bus, lauernd steht er in der Ecke, Leerlauf hatte er immerhin noch

Da der Николай Николаевич mit unserer Chefin von Prodekan zu Professor gesprochen und sie klargestellt hatte, dass es sich um ihr Lehrerzimmer handelt und Дмитри Евгеневич nichts zu melden hat, scheint unser Ausflug für eine Woche in den Naturpark während unseres Praktikums nun doch wieder möglich. Den letzten Satz versteht keiner? Nicht so schlimm, wahrscheinlich ändert sich sowieso alles noch dreimal.

14. Juni Freitag, 108. Tag

Zeitig sind wir aufgestanden um unsere Unterkünfte für den Baijkalurlaub zu organisieren. Innerhalb weniger Stunden erhielten wir von allen eine Antwort und fast alle waren positiv. Reger SMS-Verkehr mit unserem Prof ließ uns erfahren, dass „alles in Ordnung“ sei, was unseren Ausflug während des Praktikums in den Nationalpark betrifft. Was das genau bedeutet, werden wir am Sonntag erfahren. Bis zum Nachmittag verbrachten wir die Zeit damit, Dinge zu organisieren und den Kreislauf wieder runter zu fahren, schließlich ist heute Freitag. Um 17.30 ging es aber noch mal mit Slawa los und wieder mal pünktlich kurz vor Wohnheimschluss fanden wir den Weg in unser Zimmer. Hier ist es beschaulich, hier ist es warm, hier ist der Barsch.

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Slawa hatte den Witz nicht ganz verstanden, als wir sagten, heute wäre spitzen Wetter. Deshalb gab’s Eis, schönes russisches Eis, welches mehr aus Fett als aus Zucker besteht und welches es lediglich in der Geschmacksrichtung “süß” gibt.

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Slawa fällt ein, dass er in Russland lebt

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Panische Angst vor der Bier-Polizei (kein Scherz)

13. Juni Donnerstag, 107. Tag

Martin hat die Nacht zum Mittwoch damit verbracht, Luftbilder auszuwerten. Nachdem Nora das Geklicke zu viel wurde, dachte er im Bett weiter drüber nach und stand wenige Stunden später, nach Sonnenaufgang wieder auf der Matte, um weiterzumachen. Sonnenaufgang kann man hier eigentlich nicht sagen, schließlich gibt es gerade weiße Nächte, dass heißt, hier wird es tatsächlich nicht richtig dunkel. Gegen Mittag zogen wir mit Лариса los, um ein paar Блины essen zu gehen. Auf dem Weg in die Innenstadt überholten wir die Parade zur 290-Jahr-Feier von Пермь. 290 Jahre Пермь sind zwar nichts, worauf man zwangsläufig stolz sein müsste, oder gar könnte, die Parade war aber doch sehr interessant. Thematisch, zum Beispiel zur Stadtgeschichte, gab es zwar nichts zu sehen, dieser Umzug wäre wohl auch sehr kurz geworden, aber es war wieder schön russisch. Allen voran lief eine Horde junger Frauen mit überdimensionalen Süßigkeiten, deren Hauptaussage darin bestand, möglichst kleidungsfrei zu sein, so was mögen die Frauen hier. Zwischen Trommlern und Akrobaten tanzten Menschen in riesigen, aufgeblasenen Tierkostümen aus Plastik und ein großer LKW schoss zu den Klängen von Shakira tausende Schnipsel aus Metallpapier in die Luft, welche auch nach ihrer Landung in jeder Ritze der Stadt noch schön glitzerten.

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“Zum Jubiläum unserer Heimstadt”, Лариса im Zitronenkostüm

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Bemerkenswert wieder mal der Hintergrund: Das aufgeblasene Schlangenkostüm

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Parodieren, das können die Russen gut

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Eine wunderbar leere Leninstraße

Nach dem anschließenden Essen im Blinsen-Schnellrestaurant verabschiedeten wir uns endgültig von Лариса, welche nun drei Monate in ihrer Heimat verbringen wird. Sie wohnt etwa 300 Kilometer entfernt, was in Russland als „um die Ecke“ durchgeht. Große Abschiedzeremonien sind nicht der Russen Sache, so war auch dies schnell erledigt und wir tobten Eis essend über eine leere Leninstraße wieder zum Wohnheim, um auf das Treffen mit Slawa zu warten, welcher aber absagte, so dass sich Martin wieder seiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmen konnte. A propos Abschiedszeremonie: Nachdem sich Сергей in Тавда, vor unserer Abreise am Wochenende mit einem zweifachen Händedruck überschwänglich von uns verabschiedet hatte, erhielten wir heute eine Mail, in der uns die Veranstalter schrieben:

„Sie waren auch von Euren guten Russischkenntnissen beeindruckt.“

Man sollte Martin aber jetzt nicht nach einer Zusammenfassung der Gespräche fragen…

    Bis zum Nachmittag hämmerte Martin auf seine Tastatur ein, um all seine Gedanken zum Nytvaprojekt niederzuschreiben, während Nora noch mal an der Matratze horchte. Danach tobten wir eilig in die Uni, um unseren Hydrobioprofessor noch einmal zu treffen. Sein Kollege, Андрей Борисович zeigte uns noch einmal die Beute unseres Jagdausfluges.

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Zuckmücken, welche, im Gegensatz zu Stechmücken, Borsten haben

Nach einem Treffen mit Ольга müssen wir unseren Plan, unser Praktikum in Предуралие für einen viertägigen Ausflug in einen Nationalpark wohl leider abblasen.

Als wir dann noch versuchten, auf dem Gelände der Weißen Nächte Postkarten zu kaufen, welche wir bei unserem ersten Besuch letzte Woche gesehen hatten, mussten wir leider feststellen, dass es keine mehr gab. Tja, so ist das mit den Postkarten in Russland!

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Martin versucht sich in Spiegelschrift

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Картошки Твист

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Art: Ruderboot
Gattung: Moosboot
Familie: gekentert

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unter Insidern heißt die Statue “Frodos Freunde”

11. Juni Dienstag,105. Tag

Wir sind aus Тавда zurück! Dieser Ort liegt schon recht weit hinter der europäisch-asiatischen Grenze und wer sich eine Karte Russlands genauer ansieht, wird feststellen, dass der größte Teil Sibiriens als Sumpf verzeichnet ist. Was das Wort Sumpf bedeutet, konnten wir am Wochenende feststellen, nachdem wir einen Tag mit dem Zug gebraucht hatten, um den Ort Ленино nahe bei Тавда zu erreichen. Freitag früh holte uns Сергей ab und nachdem er uns seinen Freunden und Kollegen von der Feuerwehr und seinen anderen Geschäften vorgestellt hatte, schliefen wir noch einmal, bevor wir uns mit einem halben dutzend Gewehren bewaffnet in den Wald gesellten, um auf Plasteflaschen, Polizeizielscheiben und Gummienten zu schießen. In Deutschland mag man sich fragen, ob derlei Treiben politisch und moralisch korrekt ist, in Russland sind solche Skrupel anscheinend unbekannt. Also wurden wir nicht gefragt und Nora hatte Gelegenheit, hockend mit einem Kleinkaliberkarabiner in der Hand durch Mückenschwärme hindurch auf grüne Kreise zu zielen. Das Wort Mückenschwarm ist übrigens ganz essentiell, deshalb wird es noch öfter auftauchen. Mückenschwarm. Martin schoss dagegen mit einer halbautomatischen Schrotflinte alte Flaschen über den Feldweg durch die Mückenschwärme hindurch. Als alles zur zu Zufriedenheit unseres Führers war, warf er die Gummiente in den Wald, scherte sich nicht um die leeren Schrothülsen und wir rumpelten in einem alten Lada Samara, welcher ständig mit dem Unterboden aufsetzte, wieder durch die Mückenschwärme zurück. Am Abend wurde es dann so, wie man es als Tourist wohl von Russland erwartet: Der Sohn des Bürgermeisters lud uns in seinen, wie soll man sagen, Bungalow?, ein. Mückenschwarm. Fünf Zimmer gliederten sich aneinander: Ein Aufenthaltsraum mit großem Tisch für Trockenfisch, Wodka, Brot, Käse, Wodka, noch mehr Trockenfisch, Würstchen und Wodka. Dem schloss sich ein Badezimmer an, dann kam die Banja, dann ein Swimmingpool und zu guter Letzt ein Billardraum mit Jagdtrophäen an der Wand.

Am nächsten Tag ging’s dann so richtig los. Сергей holte uns zwei Stunden später als geplant ab, da er noch bis um 6.00 in der Dorfdisco unterwegs war. Eigentlich hatte sich Nora erhofft, Mückenschwarm, über einen Fluss zu paddeln. Doch das war unseren russischen Mitmenschen zu langweilig, die paddeln nicht. Wir stiegen in zwei Boote, eines davon mit einem 55 PS-Außenborder, eines mit einem alten Lada-Motor und heizten vollbepackt über den Fluss durch Mückenschwärme. Dabei kuschelten wir uns in Jacken des russischen Ministeriums für Katastrophenschutz und Сергей erzählte uns, was die Jungs im Sommer so treiben. Man darf sich fragen, was mit Sommer gemeint ist, wenn er Anfang Juni noch nicht begonnen hat. Das Rumgeballer am Vortag sollte uns, wie uns klar wurde, nur als Übung dienen, denn an diesem Tag ging es auf Entenjagd. Nun wir diese nicht, wie man sich vielleicht in England vorstellt, zu Fuß mit einem Jagdhund betrieben. Nein, mit den Booten wurden die Tiere aufgescheucht und dann mit den Flinten wieder vom Himmel herabgeholt. Wir selbst zielten gar nicht bzw. irgendwohin, da uns das Auseinanderreißen der stets paarweise auftretenden Enten dann doch zu schonungslos war. Mückenschwarm. Nach vollbrachter Rumrüpelei auf dem Wasser bauten wir ein Lager auf einer Insel auf, machten, wie sich das so gehört, Feuer und hatten dann endlich Gelegenheit, die von unserem Bioprofessor gewünschten Zuckmücken zu fangen. Mit Kescher und Formalin sammelten wir allerlei Insekten auf und am Abend zogen wir in den Motorbooten wieder ab. Einer der Motoren ging dabei kaputt, was aber normal war und ein Ersatzmotor lag im Boot bereit.

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Sumpfreifen

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Sumpffahrzeug

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Sumpffeuerwehr

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Das Wichtige auf dem Foto sind weder die Ente noch der Lauf, nein das eigentlich Interessante ist die Tatsache, dass die Mücken sogar auf dem Foto als schwarze Punkte erkennbar sind!

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Сергей

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Feuer und dicke Kleidung waren notwenig, der schwarze Tee obligatorisch

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Nora jagt Zuckmücken

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Selbst die rauhbeinigen Russen interessieren sich für Noras Zuckmücken-Jagd-Erfolg…

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…essen aber trotzdem lieber selbstgeschossene Ente

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Friedhöfe liegen in Russland oft inmitten von Birkenwäldern. Anders als bei uns, sind sie auch nicht eingezäunt, die Menschen spazieren einfach hindurch. Selbst ein Orientierungslauftraining führte letzte Woche mitten über einen Friedhof. 

Der Sonntag verging damit, dass wir zu zweit in einem winzigen Boot saßen, Martin ruderte und Nora hielt eine mit gespickten, Mückenschwarm, Regenwürmern präparierte Angel ins Wasser. So plätscherten wir über eine überspülte Wiese, zwischen aus dem Wasser ragenden Gräsern hindurch, doch kein Fisch wollte anbeißen. Nach drei aufgeweichten Stunden besuchten wir noch einmal die Banja und traten dann den Heimweg, wieder im Großraumschlafwagen an, um am nächsten Mittag in Perm aufzuschlagen. Den Abend verbrachten wir zunächst damit, Olga heimzusuchen, um Fortschritte beim Nytvaprojekt zu erzielen.

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Unser winziges Boot

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Und Nora angelt

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Von denen bräuchten wir mehr: Ein Käfer frisst Stechmücken

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Ольга mit der für Russinnen obligatorischen Sonnenbrille

Am Dienstag besuchten wir wieder einmal unseren Hydrobiologieprofessor und checkten die Lage. Da er seinen Aufgaben kritisch gegenüber stand, entschied er sich, uns den botanischen Garten der Universität zu zeigen. Diesen hatten wir, sträflicherweise, bisher nicht besucht, da wir seit Beginn der Blütezeit nur selten in der schönen Stadt Perm gewesen waren. Den späten Nachmittag verbrachten wir bei Glumira, welche Tee und eine überdimensionale Krautpirogge für uns vorbereitet hatte.

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In der Region Пермь ist gerade Blütezeit!

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So eine Dingsbumspflanze

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Eine Mimose bei der Arbeit

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Die Russen sind ein glückliches Volk. Das behaupten sie auch von sich selber, denn es gibt den Spruch: “Um in Russland zu leben, muss man ein glücklicher Mann sein”

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Гульмира empfängt uns in ihrem Wohnheimzimmer

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Wissenschaftler bei der Arbeit

04. Juni Dienstag, 98. Tag

Nach einer unruhigen Nacht, welche von Pegelkontrollen im Internet unterbrochen wurde, zog Nora los, um die hydrobiologischen Proben unserer Exkursionen vorzubereiten. Auch Дажа, eine Biologiestudentin war dabei, welche 10 Jahre die deutsche Sprache gelernt hat, sich aber nur traut, diese anzuwenden, wenn außer Nora niemand im Raum ist. Der Nachmittag bestand aus Gedanken, was nun zu tun sei, wenn das Wasser in der Heimat weiter steigt. Zur Ablenkung nahm Martin am Orientierungslauftraining teil.

Der Dienstag verlief ähnlich nervös, mit Telefongesprächen und Vorbereitungen für den Fall eines Abfluges. Auch heute nahm Martin am OL-Training teil, in der Gewissheit, dass Валентин sein Ende vorzeitig herbeiführen will. Am Abend korrigierten wir einen Text, den Гульмира in der Uni abgeben muss.

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Даша durchwühlt altes Sediment auf der Suche nach Lebewesen…

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… und findet sie auch. Allerdings stammen diese Köcherfliegenlarven aus Martins Fundus

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Професор работает, Нора чистает

02. Juni Sonntag, 96. Tag

Welch ereignisreiches Wochenende! Nach unserer Rückkehr trafen wir uns mit Слава, welcher uns in eine Kneipe entführte (so etwas scheint es hier tatsächlich zu geben) und erschienen nahezu pünktlich um fünf Minuten vor Mitternacht, also fünf Minuten vor Schließung wieder im Wohnheim. Dort schliefen wir nicht lang und tobten am nächsten Morgen in einer völlig überfüllten Електричка zusammen mit Николай Николаевич in einen Vorort, spazierten eine halbe Stunde und standen dann vor seiner Дача, in der uns seine Frau und Tochter, schüchtern wie wir es von Russen kennen, begrüßten. Da wir die Russen als Menschen kennen gelernt haben, welche mit Fremdem und Fremden nicht vertraut sind (natürlich nicht, hehe) und nur selten beginnen, etwas zu erzählen, redete Martin zwei Tage lang. Diese Volksreden wurden nur von Touren auf Fahrrädern unterbrochen, welche lediglich über Vorderbremsen verfügten. Na immerhin, wie jeder weiß, ist die Vorderbremse die wichtigere. Neben dem obligatorischen Шашлик gab es ein obligatorisches Plumpsklo, einen obligatorischen Баня-Besuch und obligatorisch ständig Tee. Die Nacht verbrachten wir im einzigen Raum der Hütte: Mutter und Tochter in einem schmalen Bett und wir im zweiten schmalen Bett. Der Chef schlief im Schlafsack auf der Isomatte.

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So voll sind die Vorortszüge in Russland irgendwie immer. Links vorn im Bild Setzlinge, welche die Russen in Kisten, Körben und Kartons auf ihre Дача schleppen, nachdem sie sie den Winter über großgezogen haben.

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Eisessen vorm obligatorischen Plumpsklo

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Der obligatorische Tee

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Quatschpause

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Hitze, des Professors Frau und wir auf einem der vielen Bahnhöfe im russichen Нирвана

Mit der wieder überfüllten Електричка fuhren wir am Nachmittag des Sonntags zurück nach Пермь, schließlich wollten wir pünktlich für unser Rendezvous mit Лариса im Wohnheim sein. Wir besuchten das über drei Wochen dauernde Stadtfest „белной ноч“. Ganz ungewöhnlich von uns und in diesem Blog bisher wohl kaum gelesen, müssen wir sagen: wir sind positiv beeindruckt von dieser Stadt. Da stand nicht einfach eine Boggwurschtbude auf dem Rathausplatz, nein, blaue Bretter imitierten Flüsse und dienten als Wege. Es gab einen Pool, mehrere echte Schiffe, Sandstrände, mehrere Bühnen, Spielwiesen für Kinder, historisches Handwerk, Restaurants mit erschwinglichen Preisen, Skulpturen und ein befremdliches, aber innovatives Unterhaltungsprogramm.

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Das war wieder so richtig schön russisch: Helm auf’n Kopp, Schuamstoffschläger in die Griffel und auf den anderen eindreschen

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Martin und die vornehm blasse Лариса

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vielleicht nicht fischfreundlich, aber innovativ

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Martin inspiziert die Technik

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Scheinbar ist rechts was schöneres zu sehen als hinter der Kamera

 

29. Mai Mittwoch, 92. Tag

Es war Zeit für das Kennenlernen einer weiteren russischen Gepflogenheit: den Besuch einer wissenschaftlichen Konferenz. Nachdem wir am Dienstag noch die letzten Besorgungen erledigt hatten, bestiegen wir um 15.00 den Bus, welcher eigens von den Konferenzorganisatoren dafür bereit gestellt worden war, die Teilnehmer nach Кунгур zu überführen (bzw. zu überfahren). Nach einer halben Stunde hab es Cognac, dieser wird in Russland nicht, wie bei uns, nur von alten Männern getrunken, nein jeder hatte einen kleinen Plastebecher in der Hand und durfte warmen Коняк im warmen Bus genießen.

Der erste Abend wurde mit einem Bankett abgeschlossen. Um zehn war die Tanzfläche voll und für jede leere Flasche Wodka brachten die Kellnerinnen eine neue, volle, auf den Tisch. Wasser gab es aber kein neues, das musste an der Bar gekauft werden. Am nächsten Morgen standen alle rechtzeitig auf der Matte, um ihre Vorträge zu halten. Dass diese, wie wir es aus der Uni kennen, abgelesen wurden, störte aber kaum jemanden, schließlich klingelte ständig ein Handy und der jeweils Angerufene verließ unter Getöse den Raum. Wir meinen hier wirklich, ständig. Selbst nach dem fünften Anruf fühlte sich keiner der übrigen Anwesenden gemüßigt, den Klingelton durch einen Vibrationsalarm zu ersetzen. Auch schon bekannt aus der Uni, wurden die Vorträge mit den Worten „Всё, спасибо“ abgeschlossen. Das heißt, bei den Russen endet der letzte Satz des Vortrages mit den Worten, „Fertig, danke“. Die sich anschließenden Diskussionen sind ihren Namen wert, denn es wurde teilweise heftig gestritten. Über was genau da gestritten wurde, verstanden wir nicht, ebenso wie 95% der Vorträge, weshalb wir genügend Zeit zur Onlinerecherche zur Verfügung hatten.

Auch das Dumherum war wieder eindeutiges Zeichen für unsere Anwesenheit im schönen Russland: Die Frauen wechselten tagsüber immer wieder mal ihre Kleider, neue Klamotten vor jeder Mahlzeit schienen Pflicht, ein steinalter Professor erschien zum Abendessen im schwarzen Trainingsanzug (mit goldenen Streifen) von Adidas und ein weiterer hatte ständig eine mehr oder weniger volle Cognacflasche in der Hand.

Auf der Rückfahrt von unserer ersten Exkursion war er es auch, der sich für die Unterhaltung zur Verfügung stellte und beständig Lieder ins Mikrofon des Busses krähte. Davon entnervt ließ sich sogar Martin dazu hinreißen, „Mein Bester Freund“ von den Prinzen zum Besten zu geben, um wenigstens die eigenen Nerven zu schonen. Das darf man allerdings nicht so verstehen, dass den russischen Mitfahrern der Gesang des Professors missfallen hätte, im Gegenteil, es wurde mitgesungen und geklatscht. Die Rückfahrt wurde von einem Problem unterbrochen: „Автобус не работает“, der Bus war hin. Also warteten wir zwei Stunden auf einen neuen. In der Zwischenzeit trieb jemand im nächsten Dorf ein Auto mit Fahrer auf und besorgte für ein provisorisches Essen Brot, Käse, Saft, Bier und … Водка. Das anschließend im Hotel nachgeholte Abendessen war, wie sich herausstellen sollte, unseliger Auftakt zu einem Drama in drei Akten: Auch die nächsten zwei Mahlzeiten sollten aus weichgekochtem Buchweizen und einem undefinierbaren zwerwürschten Fleischklops bestehen. Der Vormittag des zweiten Tages verging ohne größere Überraschungen, zumindest wissen wir nichts davon, schließlich schliefen wir bis zum Mittagessen (welch Euphemismus) und nahmen anschließend an der Exkursion nach Кунгур teil. Eine Führerin stand bereit, ein Bus fuhr uns geschlagene zwei Stunden durch diese Stadt, welche bedeutsam sein mag, schön macht sie das aber nicht gleich. Wir vermuten, dass unsere russischen Kollegen nicht derart hohe Ansprüche an Dinge zu stellen, um sie als ästhetisch wertvoll zu bezeichnen. Sehenswerte Bauwerke waren die allgegenwärtigen Kirchen mit Goldkuppeln und ein altes Haus, welches von bunten Plasteschildern verziert wurde, die die innewohnenden Pelz- und Schmuckgeschäfte bewerben. Zu zeitig für das Abendessen wieder im Hotel, entschieden wir uns, zum Fluss zu gehen, in dem Martin auch ein paar Minuten gegen die starke Strömung kämpfte. Immerhin erspähten wir sogar einen Biber und eine Schlange ließ sich von unserem Gequatsche nicht davon abschrecken, nahebei durch’s Gras zu schlängeln.

Der Abend verlief…russisch…zunächst wurde die Konferenz mit vielen Worten aller Beteiligten für beendet erklärt, dann gab es einen „Imbiss“. Imbiss heißt, es gab viel zu essen und noch mehr zu trinken. In diesem Verhältnis wurde auch beides von den Teilnehmern eingenommen. Ein Kollege aus Kasachstan erklärte uns dann einige russische Witze, wobei er, unter ständigem Nachgießen, den größten Teil seines Weinglasinhaltes über Fußboden und Gäste verteilte. Anschließend ging es raus vor das Hotel und es wurde geklatscht. Dieses Klatschen galt nicht den scheinbar endlos vorrätigen Mücken im Gebüsch, sondern dem Gesang der Männer. Noch nie haben wir einen Professor ein Liedchen singen hören, hier auf der Tagung war dies aber völlig normal und alle waren voll dabei. Auch zwei Gitarren hatten die Teilnehmer dabei, welche fast durchweg unsere Eltern sein könnten (welch Freude, dass da ein Konjunktiv steht).

Am letzten, dem Freitag, sollten ursprünglich mal Ergebnisse diskutiert werden, das fiel aber aus (oder fand schon eher statt), stattdessen fuhren wir nach Preduralie, dem Ort, in dem wir von Mitte Juni bis Mitte Juli für vier Wochen sein werden. Dort setzten wir mit einem winzigen Boot über den Fluss, kraxelten einen abartig steilen Berg hinauf, setzten wieder über den Fluss, paddelten fünf Kilometer den Fluss hinab, stiegen erneut auf einen unglaublich steilen Berg und aßen dann Brot mit Käse. Dazu gab es Tee und Kaffee(!). Das alles betrieben die meisten Teilnehmer in ihren Tagungsschuhen, wir waren froh, sowieso immer etwas „praktisch“ angezogen durch die russische Weltgeschichte zu toben. Seit geraumer Zeit vermuten wir schon, dass „praktisch“ in russischen Augen eher „schlampig“ bedeutet, aber immerhin bestanden unsere Schuhe im Anschluss noch aus jeweils einem Stück. Die Rückfahrt in unsere Lieblingsstadt Пермь erfolgte wieder in einer Sauna auf Rädern.

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Der erste Tag (von Nacht ist noch gar nicht zu sprechen) und alle lieben дансовать

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Eine berühmte Kirche (nicht im Bild) und russische Landschaft

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Dasselbe nochmal mit einer mittlerweile gut gebräunten Nora

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автобус не работает

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Privatexkursion in den Fluss

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Plinse mit Kaviar (der heißt in Russland übrigens nicht Kaviar, sondern Икра

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Der Mann mit der Posaune ist Витали, welcher wollte, dass wir 30 Seiten auf russisch oder englisch über ein Thema schreiben, was uns nicht so sinnvoll schien

26. Mai Sonntag, 89. Tag

Der Freitag stand wieder an und wir spät auf. Die Wäscherei war das Ziel, sonst eigentlich für montags vorgesehen, heute aber überfällig. Auch ein Arzttermin stand auf dem Plan, wir hatten uns nämlich einer Fluorographie zu unterziehen. Das ist wieder so ein russisches Ding: Wir benötigen ein positives Attest vom Arzt, das uns unsere Tuberkuloselosigkeit bescheinigt und somit die Teilnahme am Praktikum ermöglicht. Wir zahlten etwa 4€ pro Person, dann machten wir den Oberkörper frei und stellten uns in eine Metallmaschine, welche was auch immer mit uns machte. Anschließend gab es das Attest, wir sind also ta uglich. Allerdings heißt das nicht, dass es auch ein Ergebnis gab, denn wir werden erst am Montag erfahren, ob alles i.O. ist. Aber das kann uns egal sein, denn die Erlaubnis für’s Praktikum haben wir ja schon. Russisch eben…

Auch Нытва gab’s wieder zu erleben. Zur gewohnten Unzeit fanden wir uns am Samstagmorgen am Autobahnhof ein und verschliefen die Fahrt auf’s Land. Gruppenweise zogen wir los, die Welt zu retten. Bei leichtem Nieselregen stocherten wir mit Latten im Fluss rum und bestimmten den Durchfluss. Anschließend nivellierten wir noch abenteuerlich und versetzten fröhlich Nivelliergerät und Messlatte gleichzeitig, maßen Abstände ohne Winkel und traten dann wieder die Heimreise an.

Die Ereignisse des Sonntag sind ebenso kurz zusammenfassbar. Ausgeschlafen verspeisten wir Bratkartoffeln und erfüllten dann unsere Pflicht, bei gutem Wetter nicht im Zimmer zu bleiben. Ja, richtig gelesen, gutes Wetter! Und ja, wir sind in Пермь. Im TShirt (!) zogen wir zum Nadel-und-Faden-Geschäft, erstanden Garn und überlegten dann, wie der Tag zu nutzen sei. In Ermangelung von Straßencafes aßen wir ein Eis bei McDonalds, natürlich auf der Freifläche, keine 10 Meter von der sechsspurigen Hauptstraße der Stadt entfernt, welche heute scheinbar als Mopedrennstrecke fungierte. Da wir uns nicht dazu entschließen wollten, unser Wohnheim aufzusuchen, aber auch nicht weiter auf der Hauptstraße sitzen konnten, schließlich war Martins Brille schon blind, schlenderten wir zur Oper und setzten uns, wo uns der Anblick typisch russischer Sonntagskleidung nicht erspart blieb. Nach Eierkuchen, Skypegesprächen und wildem Gehopse zu aktuellen Hits in unserem Zimmer, ging auch dieser Tag wieder wie so viele andere zu Ende.

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Am Busbahnhof in Нытва steppt der Bär…

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…und das Frettchen tanzt dazu!
Die Frau ist bestimmt auch Nihilist

 

23. Mai Donnerstag, 86. Tag

Mit dem Wiedererwachen in unserem Wohnheimzimmer ist unsere Reise nun endgültig beendet. In dieser Zeit haben wir uns mit nahezu jedem öffentlichen Verkehrsmittel fortbewegt. Wir sind in der Lage, eine Zugfahrkarte mit unserem Pass zu kaufen und in Holz- und Businessklasse stilsicher in kurzer Hose und Badelatschen auftreten.

Wir können uns mit einem Taxifahrer auf den Preis verständigen, wissen, in welcher Stadt der Busfahrer beim Einsteigen oder erst bei Verlassen des Vehikels bezahlt wird. Die Tücken von Überland- und Trolley- und Überlandtrolleybussen sind uns bekannt. Weder langsame Fahrkartenverkäufer, noch unfreundliche Angestellte bringen uns zur Verzweiflung. Unsere Gesäßmuskeln und Knochen sind gestählt und lassen sich weder von museumsreifen Trolleybussen, geschweige denn von nicht vorhandener Federung in Straßenbahnen weichklopfen.

Der Widerwillen gegen die Ankunft in Пермь hat uns wieder einmal verdeutlich, was das Wesentliche im Wort „zu Hause“ oder gar „Heimat“ ausmacht.

Nach einem nicht sehr effizient geführten Gespräch im Lehrerzimmer stellten wir dann fest, dass das Stativ nicht zum Nivelliergerät passt und es keinen klaren Plan gab, wann es wieder nach Нытва gehen soll. Also alles wie immer auf dem Campus. Doch halt, das stimmt nicht ganz, denn mittlerweile wagt sich zartes Grün aus den Pflanzen hervor. Dabei darf man, wie immer, nicht zu viel erwarten, ganz ausgeschlagen haben beispielsweise die Birken noch nicht.

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Bei so viel Grün am Baum klatscht sogar der Barsch Applaus!

Noch ein paar Fotos der letzten Tage:

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Martin im Schwarzen Meer

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Da war das Handy noch heil

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Nochmal der Überlandtrolleybus

 

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Bahnhof in Jalta

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Auf nach Odessa!

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Kupe-Abteil

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Der Bahnhof in Odessa früh am Morgen

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Das einzige Bild von Martin in Moskau, wir haben für fünf Minuten das Flughafengebäude verlassen. Bei der Rückkehr ins Gebäude mussten wir uns natürlich wieder einer Kontrolle unterziehen.

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Endlich wieder in Perm, hach ist das schön, vor allem bei 2°C früh um sechs.   

22. Mai Mittwoch, 85. Tag

Odessa! Odessa begann, wie nun schon einige Städte, am Bahnhof. Der Bahnhof lag im Dunkeln, denn aus unerfindlichen Gründen hatte die ukrainische Bahngesellschaft entschieden, diesen Zug um 04.40 enden zu lassen. So schlichen wir über die Straßen und lagerten auf einer Parkbank. Wie für diese Uhrzeit üblich, stolperten die sonderbarsten Gestalten über die Wege der Stadt, vermutlich zählten wir in dem Moment auch dazu. Um 7.00 öffnete McDonald’s seine Pforten und gewährte uns für zwei Stunden Asyl, danach suchten wir wieder mal eine Stolovaya auf, um ein herbes Frühstück zu uns zu nehmen. Wieder eine Stunde später machten wir uns zum Hotel auf, wurden eingelassen und schliefen bis zum Nachmittag. Danach mussten wir feststellen, dass unser Urlaub wohl umgewidmet werden muss, vom ehemaligen Motto: „Ab durch Russlands Süden“ zum neuen Ziel „Hauptsache, raus aus Perm!“, denn Odessa ist, wie viele Städte auf unserem Weg, schön. Die Straßen sind von Bäumen gesäumt, es gibt Geschäfte, Restaurants, Hotels, geradezu eine richtige Innenstadt! Nachdem wir den Hafen eingehend betrachtet hatten und eine sehr hohe Treppe hinab- und wieder hinaufgejoggt waren, besuchten wir eine auf Erdbeeren spezialisierte Pizzeria. Den Abend versaßen wir auf der Mauer der Uferpromenade und schmiedeten Pläne. Dann endlich wieder ab ins Bett, schließlich erwarteten wir auch von der übernächsten Nacht, dass sie kurz und schmerzvoll würde.

Heute Morgen aßen wir wieder in der Stolovaya, saßen im Park, bretterten im Kleinbus zum Flughafen und bestiegen nach langer Warterei das Flugzeug. Ohaoha! Beim Landeanflug in Moskau stellten wir fest, dass wir wieder in der nördlichen Hemisphäre Russlands sind: es regnete, Sonne war nicht zu sehen und die Temperaturdifferenz gegenüber Odessa betrug minus zehn Kelvin.

Und tatsächlich, nun sitzen wir hier am Flughafen Moskau Scheremeddingsda, kann ja keiner aussprechen, geschweige denn, schreiben. Schlaf wird es diese Nacht nicht geben und wenn wir nach der Zeit in Odessa um 02.30 in Perm aufschlagen, wird es in Perm selbst schon 05.30 sein. Dort erwarten uns dann Diskussionen, Fahrten nach Nytva und Probleme, die wohl nur Russen verursachen können und die auch nur Russen geduldig und ohne Widerstand ertragen.

Da wir hier am Flughafen sitzen, können wir zurzeit keine Fotos hochladen, aber immerhin gibt es kostenlos WLAN.

20. Mai Montag, 83. Tag

Ok, wir haben keine Einzelkabinen, und ja, wir haben keine Bediensteten, geschweige denn, dass wir Kabinen für sie hätten.  Aber: Wir haben verschließbare Abteile, ein Schaffner wartet am Ende des Waggons darauf, unsere Wünsche zu erfüllen und die  Inneneinrichtung hat, wenn sie schon nicht aus echtem Holz ist, wenigstens dessen Muster. Sogar Teppiche gibt es in diesem ukrainischen Zug. Wir fühlen uns also zu Recht ein wenig wie im Orientexpress. Vermutlich wird hier aber kein Mord geschehen, schließlich hätte hier nicht einmal ein Alibi Platz.

Den heutigen Tag haben wir sehr früh begonnen, mit einem Frühstück. Dieses war, wie an jedem der drei vergangenen Tage, ziemlich ausführlich und wurde von uns im Restaurant der Ferienanlage eingenommen. Anschließend begaben wir uns zum Strand, da wir diesen bisher nicht betreten und auch unsere Füße noch kein Meerwasser verspürt hatten. Doch den Strand erreichten wir nicht irgendwie, sondern per Seilbahn. Es war auch nicht irgendeine Seilbahn, sondern die hoteleigene Seilbahn! Für Hotelgäste kostenlos rumpelten wird direkt an den Kiesstrand und schwenkten unsere Körper im Salzwasser. Martin schwenkte anschließend sein Handy in der Sonne, denn es war wohl doch nicht so wasserdicht wie versprochen, ganz toll.

Nach einer Stunde des süßen Nichtstuns brausten wir mit derselben Seilbahn wieder in unser Zimmer und bewegten uns dann per Trolleybus nach Jalta, um mit der Museumsbahn wieder nach Simferopol zu zuckeln. Grandiose 150 Minuten später, welche uns aufgrund mehrmaliger Schlafattacken wie ein halber Tag schienen, erreichten wir die Hauptstadt der Insel, speisten in der Stolovaya und warteten auf den Zug nach Odessa. Dieser kam und brachte zwei Überraschungen: Im Waggon direkt hinter der Lok waren die Fenster vergittert. Es handelte sich wohl um einen Gefängniswaggon, die Polizisten um den Waggon herum sprachen ebenfalls dafür. Außerdem hatten wir uns geirrt, was unsere Buchung betraf: Nicht in der Плацкарт-Klasse, sondern in der Купе werden wir schlafen, Businessclass also! Bezahlt haben wir für diese zwölfstündige Fahrt etwa 13 Euro pro Person.

19. Mai Sonntag, 82. Tag

Nach dem Frühstück begeisterte Nora mit dem Satz: „Zum Glück fahren wir heute nicht noch mal zum Schwalbennest!“

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Das taten wir nämlich gestern und es war wieder mal so richtig schön russisch, wie wir es kennen: Nachdem uns der Fahrer eines Minibusses mit der Aufschrift: Гаспра, in welchem sich das Schloss befindet, in Kauderwelschrussisch irgendetwas erklärt hatte, stellte er sich tot. Er reagierte nicht mehr und blickte zum Fenster hinaus, bis eine Mitreisende uns fragte, wohin wir wollen und anbot, uns ein Stück des Weges zu begleiten. Der Bus quälte sich unzählige Serpentinen hinauf und wieder herunter und bewältigte die 10 km lange Strecke innerhalb einer halben Stunde.

Dann ging’s wieder richtig los, die Russen sind Meister in der Tarnung ihrer Sehenswürdigkeiten. Ausnahmen bilden nur Militär- und Lenindenkmäler, die sind immer gut zu finden. Zuerst folgten wir der Beschreibung der Mitreisenden, schlenderten durch einen Park, immer hinab in Richtung Meer. Wie selbstverständlich fanden wir uns dann plötzlich auf einer großen Straße ohne Fußweg wieder, fragten auf einen Bus wartende Personen nach dem Weg und trottenden ungezählte, weil unzählige, Meter auf der heißen Straße in Richtung Schwalbennest. Nachdem wir den gut getarnten Eingang gefunden hatten, mussten wir nur noch eine Bucht hinab- und auf der anderen Seite wieder hinaufsteigen und standen nun endlich vor dem Minischloss.

Es war…belanglos. Natürlich ist die Lage wunderbar und der Anblick von weitem beeindruckend. Aus der Nähe entpuppt sich das Schloss aber als Gebäude im Disneyland-Stil. Wirklich solide sah es nicht aus, eher wie eine Stahlkonstruktion, welche mit Gips umkleidet wurde, in etwa wie die Dinosaurier in Kleinwelka. Im Saurierpark ist das durchaus schön, diese Wesen lassen sich schließlich nur schlecht aus Ziegeln formen. Auf der Krim wirkt das aber, als wäre ein Fertigteilhaus per Hubschrauber einen Stein gestellt worden. Aus Protest gibt es hier deshalb keine Fotos dieses Bauwerkes von uns.

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Da hat National Geographic nicht gut recherchiert.

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18. Mai Samstag, 81. Tag

Nachdem wir uns nun Zug um Zug der Krim angenähert hatten (ja, ein Wortspiel, ja Martin hat den Text geschrieben), ging es  heute für uns per Trolleybus weiter, denn auf der Insel selbst ist das Eisenbahnnetz vergleichsweise schlecht ausgebaut.  Der Oberleitungsbus beförderte uns für ein Entgelt von 1,5 Euro je Person 80 (!) Kilometer quer durch’s Gebirge vom Zentrum der Insel an ihren Südoststrand, nach Jalta. Dabei quälte er sich (und uns) 2,5 Stunden lang. Trolleybusse sind eine seltsame Erfindung. Nachdem Martin dachte, dass diese wohl ein ähnlich sanftes Mitfahrgefühl wie Eisenbahnen vermitteln würden, wurde er auf der ersten Trolleybusfahrt in Самара eines bessern belehrt. Diese Nervenmühlen ruckeln und rumpeln, als wär man im Gelände auf einen starren Fahrradrahmen gefesselt. Anscheinend gibt es, wie bei alten Fahrstühlen nur drei Geschwindigkeiten: stopp, langsam, schnell, und zwischen diesen wird rigoros der Hebel hin- und hergeworfen. Ok, wir haben uns heute das älteste Modell ausgesucht, dass überhaupt am Autobahnhof zu finden war, um unsere Reise anzutreten, aber auch die neueren Modelle sind da nicht viel komfortabler.  Laut Internet wurden auf der Крым damals diese Busse eingesetzt, da fast die gesamte Insel ein Erholungsgebiet ist und die Abgase nicht die gute Luft verschmutzen sollten. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Russen lehnen ein Verkehrsmittel ab, weil es der Umwelt schadet!

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Direkt aus dem Museum nach Jalta: Der Škoda 14Tr wartet auf die Abfahrt. Er hat, Achtung festhalten: Nebelscheinwerfer. Diese gibt es ausschließlich an den auf der Krim eingesetzten Trolleybussen.

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Verwackelt, aber dennoch zu erkennen: die ausschließlich auf den Trolleybussen der Krim vorhandene “2+2″-Bestuhlung. Die Gardinen an den Fenstern scheinen uns dagegen in allen Öffentlichen Verkehrsmitteln obligatorisch zu sein.

Heutzutage wird der Trolleybus aber von den letztendlich doch noch eingeführten Bussen und Taxis überholt. A propos Taxi: Nach der Ruckelei über die Bergrücken standen wir etwas ratlos am Busbahnhof in Jalta und wussten nicht recht, wie wir unsere Unterkunft erreichen sollen, ein Problem, vor dem wir öfter mal stehen. In den alten Sowjetstaaten scheint es aboslut unüblich, Busfahrpläne öffentlich auszuhängen. Also zupfte sich Martin zweimal am mittlerweile gut gekämmten Bart und nach kurzer Einigung auf den zu entrichtenden  Fahrpreis, bestiegen wir ein Taxi, das uns tatsächlich vor einem Gatter mit zwei Wachmännern absetzte. Es handelte sich um ein altes Ferienareal mit Unterkünften, Springbrunnen, Geschäften, Kino, Friseur und so weiter. Die Geschäfte sind heute Matratzenlager, das Kino geschlossen und im Friseursalon werden dutzende Toiletten gelagert. Hotel und Springbrunnen funktionieren allerdings noch, also checkten wir ein. Wir haben sogar einen Balkon mit Blick auf den Berg, unfassbar! Wo sich früher also parteitreue DDR-Bürger und russische Arbeiter erholten, werden in den nächsten drei Nächten zwei deutsche  Studenten übernachten.

Ein paar Worte noch zur ukrainischen Währung: War das Umrechnen in Russland mit dem Kurs 1:40 schon recht einfach, so beschränkt es sich in der Ukraine darauf, das Komma um eine Stelle nach links zu verschieben, der Kurs ist fast exakt 1:10. Die Erscheinung von 10-Rubel-Scheinen im größten Land der Erde, was etwa 25 Eurocent entspricht, ist uns auch heute immer noch unverständlich. Die Ukrainer allerdings treiben es noch weiter, hier gibt es 1-GRW, also 10 Eurocent-Scheine!

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Manchmal blitzt er hervor, der Sinn für Humor: Auf dem Bus steht СимСитиТранс, transkribiert heißt das: SimCityTrans. Eine Verneigung von uns an die Diskettenzeit!

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Etwas für die Freunde der Stadtgewässer: eines der vielen drehbaren Wehre in Simferopol

17. Mai Freitag, 80. Tag

Ein neues Land, eine neue Währung, eine neue Zeitzone. Was im Westen Europas vergessen und an den Grenzen zur EU vergleichsweise lustig ist, ist zwischen Russland und der Ukraine eine ernste Angelegenheit: Der Grenzübergang. Zunächst hielten wir mit dem Zug in Russland, nach 90 Minuten hatten ein dutzend Männer in verschiedensten Uniformen, teilweise mit Hunden, unseren (und jeden anderen) Waggon durchstreift, Fragen gestellt, (unsere) Visa zerrissen und Befragungen durchgeführt. Einer der Zöllner, Polizisten oder Kriminalbeamten, wir wissen nicht, was er war, wunderte sich, dass wir nach unserer Reise in die Ukraine wieder in die Stadt Пермь zurückkehren wollen. Der zweite Stopp eine halbe Stunde später ermöglichte es dann ebenso vielen Beamten der ukrainischen Behörden, den Zutritt. Es wurde gefragt, was wir treiben, wohin wir wollen, welches Gepäck zu uns gehört. Ein Mann in Tarnkleidung, dessen Blutgruppe an einem Klettstreifen über der Brust erkennbar war, wollte sogar unsere Studentenausweise sehen und sein jüngerer Kollege warf einen genaueren Blick in unseren großen Rucksack mit ollen Klamotten.

Nach so viel Aufregung mussten wir uns erstmal wieder hinlegen. Die Nacht verlief wie jede andere in der Holzklasse: wenn man mal auf die Toilette musste, war sie gerade vom Schaffner verschlossen worden, ständig streiften andere Mitfahrer unsere Füße und früh um sechs erwachten unsere Abteilnachbarn, um zu frühstücken. Zweieinhalb Stunden vor unserer Ankunft saßen dann fast alle unserer 50 Mitfahrer auf fertig gepackten Koffern und Taschen und erwarteten die Ankunft. Für uns das Signal, aufzustehen :-D

Letztendlich erreichten wir nach einer Fahrtzeit von insgesamt 36 Stunden Симферопол auf der Insel Крым mit 30 Minuten Verspätung. Die Verzögerung kam vermutlich durch die langen und vorher nicht abschätzbaren Grenzaufenthalte von je 90 Minuten zustande. Dies war übrigens der erste unserer Züge während unseres gesamten Russlandaufenthaltes, welcher verspätet eintraf.

Ein langer Marsch mit müden Augen, schweren Rucksäcken und durchschwitzten Klamotten führte uns zur Herberge.

15. Mai Mittwoch, 78. Tag

Da sind wir wieder, einige Tage später und weit(er) gereist. Vor unserer Reise sorgte die Ansage, dass wir uns Волгрогад ansehen wollen, für allgemeine Heiterkeit bei unseren Kollegen und Mitmensch in Пермь. Allerdings muss man sagen, dass das ehemalige Сталинград in ästhetischer Hinsicht weit vor unserer russischen Heimatstadt liegt. Wie schon in Самара gibt es eine Uferpromenade, in Волгрогад ist sie sogar begrünt. Die Statue, welche der Hauptgrund unseres Aufenthaltes in der Stadt war, war allerdings, dafür, dass sie eine der größten Statuen der Welt ist, vergleichsweise schwer zu finden. Noch dazu steht sie auf einem Hügel, blieb unserem Blick aber lange Zeit verborgen. Doch einmal gefunden erwies sie sich wie erwartet als imposantes Monument aus der Zeit der Sowjetunion. Zufälligerweise waren wir auch noch am Sonntag nach dem Siegestag dort, was in Russland etwas euphorischer gefeiert wird als in Deutschland. Rot-schwarze Bändchen an jedem Rückspiegel, Kinderwagen oder Mädchenzopf und von Orden schwere Uniformen sind Symbole dessen.

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Einem Wächter wird der Schweiß abgetupft

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Frische Luft mit der eigenen Mütze gibt es auch noch

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Die Russen gehen mit ihrem “Sieg” recht offen um. “Nach Berlin” steht auf dem Schild.

Anschließend speisten wir in einer Столовая, einer jener vielen kleinen Kantinen, die in den Städten so verteilt sind, wie bei uns die Dönerbuden. Unser Verhältnis zu den Столовая ist zwiegespalten. Einerseits ist das Essen recht günstig und mit der überall angebotenen Tagessuppe kann man eigentlich nichts verkehrt machen. Bei den übrigen Speisen kann man jedoch fast alles verkehrt machen. So auch an diesem Tag. Die Пельмени waren ohne Flüssigkeit kaum essbar und stammten wahrscheinlich nicht vom Vortag, sondern von der Vorwoche.

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Trockene Pelmeni in der Kantine

Da noch viel Zeit übrig war, bis uns der Nachtzug nach Астрахан bringen sollte, verbrachten wir unsere Zeit bei McDonald’s, jenem Hort westlicher Fast-Food-Kultur und allzeit bereitem Lieferanten von Kaffee. Die UBahn der Stadt besteht aus unterirdisch fahrenden Straßenbahnen und bedient genau eine Strecke.

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Die unterirdische Straßenbahn

Vor der Einfahrt in die Stadt Волгрогад hatten wir gewaltige Stauseen überquert und hinter ihr durchfuhren wir schier endlose Weiten ohne Baum und Strauch, ohne Hügel und Haus. Астрахан hieß das Ziel und wir legten die etwa vierhundert Kilometer in elf Stunden in einem für russische Verhältnisse als Vorortzug zu bezeichnenden Vehikel zurück, welches wohl aus dem Museum reaktiviert wurde. Die Fenster waren entweder nicht zu öffnen oder nicht zu schließen oder beides und sorgten für einen steten kalten Luftstrom ins schlafende Gesicht. Auf der Rückfahrt am übernächsten Tag sollte der Hausmeister des Zuges, also sozusagen der Zugmeister, dem Abhilfe durch einen in den Fensterspalt gestopften Lappen Abhilfe schaffen. Dies ging natürlich nicht ohne anständiges Krakelen aller (Un)beteiligten. Warum da endlos diskutiert und gemeckert wurde, verstanden wir nicht, da sich alle Beteiligten einig waren, dass das Fenster abzudichten sei.

Wir erreichten Астрахан, einen Ort, in dem mehr Moscheen als Kirchen stehen, früh am Morgen, genauer gesagt, kurz nach sechs. Martin schlafwandelte als Zombie durch die Stadt und um elf Uhr fragten wir im Hotel an, ob wir schon unser Zimmer beziehen dürften. Wir durften und wir schliefen. Den Nachmittag füllten wir mit Spaziergängen durch die heiße Stadt und entschieden uns für eine Stadtrundfahrt. Das heißt, wir stiegen in eine Маршрутка und fuhren über die Волга bis zur Endstation. Von dort fuhren wir dann auch wieder zurück. Diese Маршрутка sind ein in Deutschland unbekanntes Bewegungsmittel. In vielen Beschreibungen werden sie als Sammeltaxi bezeichnet, doch das trifft es nicht richtig. Es handelt sich um normale Transporter, wie wir sie auch in Deutschland mit neun Sitzen kennen. Die russische Variante hat zwölf Sitze, welche wie in einem großen Bus angeordnet sind, auch neben dem Fahrer sitzen Passagiere. Diese Minibusse fahren feste Strecken mit festen Haltestellen. Beim Einsteigen oder Verlassen wird dem Fahrer das Entgelt überreicht. Je nach Stadt kostet eine Fahrt (unabhängig von der tatsächlich zurückgelegten Strecke) zwischen 10 und 24 Rubel, also zwischen 25 und 60 Eurocent.

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Das leere Innere einer Маршрутка

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Eine größere Маршрутка
Das ist immer noch kein offizieller Linienbus, sondern ein privat betriebenes “Taxi” mit fester Linie

In Астрахан wurde uns klar, dass wir bisher viele schlechte Dinge über die russischen Städte und ihre Bewohner gedacht hatten, welche letztendlich aber wohl nur auf die Einheimischen in Пермь zutreffen. Nur in dieser Stadt am Ural begegnen uns allenthalben Frauen, welche aussehen, als gäbe es für ihre Profession keine Berufsschule. Auch die Belanglosigkeit der Stadt beschränkt sich wohl auf diese. Екатеринбург war schon ein Fortschritt, aber Самара, Волгоград und Астрахан sind direkt hübsch. Passend dazu kannte ein Mann, der sich auf der Parkbank neben uns setzte und, wie sollte es anders sein, drei Jahre in Magdeburg gedient hatte, die Stadt Пермь nicht, sie war ihm völlig unbekannt. Auch nach einem Blick in unsere Karte war er nicht schlauer.

Momentan sind wir auf dem Weg in Richtung Westen, nach Simferopol. In der Nacht werden wir die Grenze zur Ukraine und damit wieder einmal eine Zeitzonengrenze überschreiten. Vor uns liegt die längste Zugfahrt der gesamten zwei Wochen. Siebenundzwanzig Stunden in der Плацкарт-Klasse, umgeben von 48 Russen, fast alle wesentlich älter als wir. Die Senioren unseres „Abteils“ haben sich sogar eine Tischdecke mitgebracht. Obwohl es erst kurz nach elf (mittags) ist, schnarcht es aus allen Ecken, das kann heiter werden!

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Frische Luft gibt es nur für die oberen Plätze. Nachts wird das Fenster geschlossen und alle liegen im eigenen Saft.

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Eigentlich gehörten uns die oberen Liegen. Zum Essen stiegen wir aber herab und setzten uns neben unsere “Untenschläfer”

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Ein Bild von uns und unseren 48 neuen Freunden

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Bei 32 °C ist die optimale Schlaftemperatur erreicht

11. Mai Samstag, 74. Tag

Dem ein oder anderen geneigten Leser mag es vielleicht so vorkommen, als wäre dem russischen Land nichts Gutes abzugewinnen, und den Eindruck haben, unsere Berichte würden die negativen Seiten hervorheben, die positiven aber zu wenig beachten. Nun, da wir uns gerade auf dem Weg von Самара nach Волгоград befinden und unser Ziel erst in etwa 16 Stunden erreichen werden, wollen wir die Gelegenheit ergreifen und den positiven Dingen einen eigenen Eintrag widmen und ihnen den entsprechenden Platz zukommen zu lassen.

Zunächst sollten wir aber wohl dennoch ein paar Worte zu den letzten Stunden verlieren. Nachdem wir gestern gegen Mittag den Zug verlassen hatten, fanden wir uns in einem beeindruckenden Bahnhofsgebäude wider. Unser Hotel erreichten wir per Trolleybus (es war unsere erste Fahrt mit einem elektrischen Bus in Russland) ohne Probleme. Anschließend latschten wir durch die Stadt, es gab sogar eine Fußgängerzone, so etwas haben wir bisher noch nicht gesehen. Sie war nicht besonders groß und die Gebäude weder alt noch modern, aber es gab Springbrunnen und vor allem: viel Sonne! In Пермь haben wir selten Temperaturen über 10 °C erlebt, hier lagen sie bei gefühlten 25 °C. Anschließend schlenderten wir die Uferpromenade entlang. Uferpromenade! Sie lag, natürlich, neben einer großen Straße, aber dort saßen tatsächlich Menschen mit Eis in der Hand und blickten auf die gewaltige Вольга. Am nächsten, also heutigen Morgen, erhielten wir ein Frühstück und zogen dann mit einer Маршрутка zum Bahnhof. Diese Art der Fortbewegung bedeutet, dass man in einen klapprigen alten und privat betriebenen Bus mit etwa einem dutzend Sitzplätzen steigt, dem Fahrer 18 Rubel, also etwa 45 Eurocent auf eine Matte wirft und dann bis zur Zielhaltestelle rumpelt. Nach ein paar Einkäufen für unsere, für russische Verhältnisse kurze, Weiterfahrt von nur 19 Stunden und dem Verzehr eines eigentlich für gestern Abend vorgesehen Knoblauchbrotes, bestiegen wir unsere Купе. Dies wiederum ist ein durch eine Tür abgetrenntes Abteil mit vier Betten. Diese sind länger als in der Плацкарт-Klasse und die Fenster bleiben geschlossen, da es eine Klimaanlage gibt.

Das Zugsystem Russlands ist wohl auch die beste aller Überraschungen, die wir in Russland bisher er- und überlebten. In diesem unvorstellbar großen Land fahren die Züge von der Hauptstadt bis an die Ostgrenze, von Нишни Тагил bis nach Сочи, mehrere tausend Kilometer am Stück. Manchmal beginnen oder enden sie an Orten, die uns völlig unbekannt sind. So gibt es einen Zug von Чита nach Екатеринбург, wir wissen nach wie vor nicht, warum gerade diese zwei Orte die Endpunkte bilden, schließlich gibt es auch Züge auf der Strecke, die weit vorher starten und weit dahinter enden. So ziehen die Lokomotiven beispielsweise zwölf Waggons mit je 50 Betten hinter sich her. Manchmal halten sie auf den hinterletzten Dorfbahnhöfen 30 Minuten, stehen aber in Millionenstädten nur eine knappe Viertelstunde. Überraschenderweise scheinen uns die Russen, welche nun einmal den Hauptteil der Fahrgäste bilden, überaus diszipliniert. Eine ganze Reisegruppe ist heute Morgen nach einem Frühstück um vier Uhr in Уфа ausgestiegen, ohne nennenswerte Geräusche zu machen. In jedem Waggon gibt es ein Gerät, in welchem Wasser  auf 90 °C, die ideale Temperatur für schwarzen Tee, erhitzt wird und kostenlos zur Verfügung steht. Jeder geübte Mitfahrer hat eine Tasse und Teebeutel dabei, auch wir schlürfen in unseren wachen Phasen unentwegt schwarzen Tee, die Tasse borgen wir uns beim Schaffner. Natürlich gibt es auch hier wieder kuriose Überraschungen. So kommen zeitweise die Schaffner durch den Waggon und bietet ein wüstes Sammelsurium an Kuriositäten wie Magnete, Stifte und Tüten in einem Schuhkarton feil. Vielleicht ist auch der Begriff Schaffner hier gar nicht der richtige. Vielmehr handelt es sich tatsächlich um Zugbegleiter, wie sie in Deutschland genannt werden. Nachdem man eingestiegen ist, reißt der Zugbegleiter den letzten der zwei Durchschläge von der Fahrkarte und bringt einem ein Paket mit Bettwäsche. Früh wird man rechtzeitig vor Erreichen des eigenen Ausstiegpunktes geweckt. Außerdem gehört das Schließen der Toiletten zu den Aufgaben des Schaffners. Eine Tafel informiert darüber, wie viele Minuten vor und nach Erreichen der verschiedenen Bahnhöfe die Toilette nicht benutzt werden darf, da die Spülung direkt auf das Gleis entwässert. Die Toiletten selbst sind zwar russisch rustikal, aber sauber. Die gesamte Art, sich mit dem Zug fortzubewegen, wie sie in Russland üblich ist, scheint uns in Deutschland zwar nachahmenswert aber wenig praktikabel, da die Zugstrecken einfach zur kurz sind. Dazu kommt die Einstellung, dass Züge in Deutschland nicht billig sein dürfen. Fahrtkosten von  Leipzig in die Niederlande von etwa 70€ stehen hier Fahrscheinkosten von 2500 Rubeln, also 60€, gegenüber, für die man im geschlossenen Schlafabteil eine Strecke von mehreren tausend Kilometern zurücklegt. An den Kosten für die Energie kann es nicht liegen schließlich sind die Benzinkosten für eine Autoreise bei zwei Personen in Deutschland stets billiger, als die Reise im Zug. So rollen hier Züge mit 50 Güterwaggons an endlos scheinenden Feldern mit Schwarzerde oder undurchdringlich scheinenden Sümpfen vorbei, während in Europa Lastwagen die Autobahnen befahren.

Nach dieser Lobhudelei auf das russische Zugsystem sollten wir wohl noch das Ballett lobend erwähnen. Im Gegensatz zur Oper „Carmen“ kam dieses ohne verstörende moderne Elemente aus und die Orchestermusik war, so weit (und das ist nicht weit) wir das beurteilen können, großartig.

Das Essen, welches hier auf den Tisch kommt, besteht oft aus regionalen oder nationalen Spezialitäten. Es ist zwar nicht immer nach unserem Geschmack, aber Eisbein mag bei uns ja auch nicht jeder. Hering im Pelzmantel, Piroggen, Pelmeni, Borschtsch, Plinsen, Schaschlik und Hühnersuppe sind hier die Speisen, welche üblicherweise auf den Tisch kommen. Die Hühnersuppe ist das Sinnbild des Fleischverzehrs: Meist Huhn, seltener auch Rind bilden die Grundlage für Carnivoren. Schweineschnitzel und Boggwurscht scheinen hier unbekannt zu sein.

Ebenfalls eher positiv zu sehen, ist die Freiheit bezüglich der Gemeinschaft. Während es im westlichen Teil undenkbar, verboten oder ungewöhnlich ist, im Wald zu zelten, irgendwo Feuer zu mache, Höhlen zu erforschen (ohne Eintrittsgebühr, ohne Sicherung, ohne Warnschild), mit dem Geländewagen durch die Natur zu brausen oder ohne Angelschein zu Fischen, scheint dies hier ganz normal. Andererseits scheint es hier ebenso normal, den Hausmüll an der nächsten Flussbiegung zu deponieren, ohne Rücksicht darauf, ob er da auch tatsächlich liegen bleiben wird.

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Wir hätten es ja nicht vermutet, aber auch das gibt es in Russland: ein Kühlschrank der Energieeffizienzklasse A+

10. Mai Freitag, 73. Tag

Eigentlich sind wir ja nicht nachtragend, aber heute müssen doch mal wieder was nachtragen:

Am Abend des Dienstags statteten wir der Oper unseres Vertrauens erneut einen Besuch ab, diesmal stand Ballett auf dem Programm. Das Schauspiel hatte einen, wie es in Russland üblich ist, scheinbar endlos langen Namen. Ebenso lang war auch die Vorführung selbst. Nach 2,5 h Stunden wilder Hopserei, welche Martin ab, das musste er zugeben, tief beeindruckte, rumpelten wir wieder mit der Трам ins Wohnheim.

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Das Bild sieht etwas sonderbar aus, da Fotografieren in der Oper nicht erlaubt ist

Am Mittwoch ging es dann, nicht wie versprochen gegen 10.00, sondern wieder kurz vor acht am Busbahnhof los. Wir kauften auch gleich die Rückfahrkarten, um klarzustellen, dass wir nicht in Нытва zu nächtigen gedachten. Voll bepackt teilten wir uns in zwei Gruppen und Martins Gruppe, in welcher sich Слава und Татяна befanden, fuhr mit dem Taxi ins Nirvana. Den ganzen Tag über paddelten sie in einem winzigen Boot über zwei Flüsse, um Strömungsprofile aufzuzeichnen. Martin testete auch die Wassertemperatur organoleptisch. Das heißt, beim Versuch, einen trockenen Ast aus dem Wasser zu zerren, zog er sich selbst hinein und musste erneut feststellen, dass seine Kamera nicht wirklich wasserdicht ist. Nora und ihre Gefährten der Hydrobiologie spielten derweil im Schlamm und nahmen sogar Proben davon mit. Molluske und Chironomiden bestimmten den wissenschaftlichen Tag. Da viel geredet, gegessen und gebummelt wurde, hatte der von uns gebuchte Bus drei freie Plätze auf der Rückfahrt. Stattdessen fuhren wir zwei Stunden später als geplant zurück, Martin unterhielt dabei den ganzen Bus in bestem Russisch über die wichtigsten Dinge, während sich Nora in den Schlaf vibrieren ließ.

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Vorbereitungen zur Aufnahme eines Geschwindigkeitsprofiles

Wenig Schlaf auch in dieser Nacht bildete die Grundlage für unsere Abfahrt am Donnerstag um 6.40 (Ortszeit). Seitdem sind wir im Wesentlichen mit zwei Dingen beschäftigt:

Erstens fragen wir uns ständig, wie spät es gerade ist, kennen aber die Antwort nicht beziehungsweise bereitet sie uns Schwierigkeiten. Wir wissen nämlich nicht, auf welche Zeitzone wir uns einigen sollen. Sinnvoll wäre es, alle Uhren auf Moskauer Zeit zu stellen, da sich sämtliche Züge nach der Hauptstadt-Zeit richten. Allerdings ist es vor Ort wichtiger, die Ortszeit zu kennen, um sich zum Beispiel einen Wecker zu stellen. Andererseits wissen wir nie so genau, ob wir nun die Zeitzonengrenzen schon überschritten haben oder nicht. Dazu kommt, dass sich die Uhrzeit unseres russischen Handys dauernd verselbstständigt.

Die zweite wichtige Tätigkeit hier im Abteil, oder besser gesagt, im Waggon, ist die Beaufsichtigung eines hyperaktiven Zwerges, der es nicht ganz raus hat, sich selbst zu beschäftigen und deshalb alle anderen beschäftigt. Sein Vater stellt sich schlafend, die Mutter verabschiedete sich in Екатеринбург von den beiden. Seitdem klettert er kreischend durch unseren Abschnitt und fuchtelt wie ein Zauberer spuckend mit seiner rechten Hand. Das Spiderman-Motiv auf all seinen Kleidungsstücken legt die Vermutung nahe, dass dieser Giftzwerg das Alter Ego des Spinnenhelden ist, Während Martin diese Zeilen schreibt, kämpft Nora einen aussichtslosen Kampf gegen dieses Nervenbündel, da sich der Vater zum Rauchen aus dem Waggon verzogen hat.

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07. Mai Dienstag, 70. Tag

Wie sagt Sherlock Holmes: „Es ist zumeist sinnvoll, am Anfang zu beginnen.“ Aber das werden wir heute nicht tun, sondern mit dem Wichtigsten beginnen: Das Paket ist da! Auf den Tag genau acht Wochen hat es gedauert, bis Martin zum ersten Mal in seinem Leben ein Überraschungsei erhielt!

Im Moment sitzen wir in der Wäscherei und warten darauf, dass endlich mal zwei Maschinen frei werden. Das kann aber noch dauern, da alle Пермьer heute ihre großen Decken waschen wollen. Wahrscheinlich soll zum Tag des Sieges am Donnerstag alles sauber sein. Bei Tag des Sieges fällt uns was ein: Da wollen wir in den Urlaub starten. Doch morgen werden wir erstmal noch nach Нытва fahren, weshalb wir heute alles erledigen müssen. Endlich Stress! Denn alles, das ist so einiges: Gestern konnten wir endlich die Übernachtungsgebühr für unser Hotel in der Ukraine per Western Union überweisen, es dauerte auch nur 35 Minuten (plus 15 Minuten Wartezeit). Vielleicht ist jetzt aber der richtige Zeitpunkt, um mit dem Anfang anzufangen:

Tatsächlich brachen wir am Freitag mit dem Автобус auf in Richtung Süden, um Николай Николаевичs Eltern zu besuchen. Nach dreistündiger Fahrt, die Martin schlafend, Nora und unser Prof aber schwatzend verbrachten, hielt der Bus mitten im Nirgendwo. Und mitten im Nirgendwo stand ein Лада Жигули mit Fahrer, um uns abzuholen. Der Fahrer war der Vater unseres Professors und kutschte uns in ein Dorf, wie man es sich russischer nicht vorstellen kann: Eine Straße, die eher eine Sandpiste war, bunt bemalte Holzhäuschen, und Hühner, die ihrem Hahn quer durch’s Dorf folgten. Am Nachmittag lag ein Betrunkener vor seinem Haus und ließ sich auch nicht vom Lärm der ab und zu vorbeiknatternden Beiwagenmaschinen aufwecken.

Am Nachmittag schlenderten wir durch die Steppe, welche eine Karstlandschaft bedeckt.  Die (Hydro)biologen unter uns nutzten das, um an jedem Wasser, welches eine Doline füllte, stehen zu bleiben und Krabbeltierchen aus dem Wasser zu fischen. Dorf und Landschaft lassen sich wohl am besten durch Bilder beschreiben:

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Russische Steppenlandschaft im Karstgebiet mit zwei Wissenschaftlern.
Das Bild wird durch Draufklicken sehr groß!

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Biologen bei der Arbeit.
Ja, das im Hintergrund ist Schnee.

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Müll darf in keiner russischen Landschaft fehlen

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Wer genau hinsieht, kann Süßwasserkrebse erkennen.

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Die Hauptstraße des Dorfes

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Bemerkenswert ist noch der Höhlenbesuch am Samstag: Unweit der nächsten Stadt befindet sich die Орда-Höhle, welche bei Höhlentauchern wohl weltbekannt sein muss. Uns war sie völlig neu und so krochen wir wieder, wie schon in Кизель durch schmale Felsspalten. Diesmal war es allerdings nicht so schlammig. Dafür bestanden die schwarzen Punkte im Gestein nicht aus Einschlüssen, sondern aus Fledermausfäkalien. Auch hier sagen Bilder noch mehr als unsere tausend Worte:

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Im Hintergrund bereiten sich Höhlentaucher auf ihren Ausflug vor.
Würde mich mal interessieren, ob Höhlentaucher die Steigerungsform von Höhlentauch ist?!

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Jeder schwarze Punkt ist ein Zeugnis von Fledermausstoffwechsel

IMG_3696 Vielleicht sollten wir noch ein paar Worte zum Essen verlieren. Wir aßen stets zu dritt, da seine Eltern zu schüchtern waren, um mit uns an einem Tisch zu sitzen. Das „leichte Frühstück“ am Sonntag bestand aus Eiern und Kuchen, schließlich war Пасха-Fest. Allerdings wurde es dann fortgesetzt mit Hering im Pelzmantel, darauf folgten zwei Teller mit Stapeln von Kartoffelfladen, dazu gab es Buchteln und Suppe. Nur etwa zwei Stunden später, nach einem weiteren Spaziergang, gab es Шашлик, das heißt, wir schoben Fleischstücke auf Spieße und brieten sie über Birkenfeuer. Das russische Шашлик unterscheidet sich hier vom ungarischen dadurch, dass es praktisch ohne Beilagen wie Gemüse zwischen den Fleischstücken auskommt und die Spieße wesentlich größer sind. Ach und die Getränke: Während Martin am Freitagabend damit beschäftigt war, den Inhalt einer Водка-Flasche nicht der Verdunstung anheim fallen zu lassen, missachtete unser Prof alle gängigen russischen Trinkregeln und kommentierte dies am nächsten Tag mit den Worten: „Ich trinke wie deutscher Mann, Martin trinkt wie russischer Mann.“ Mit dieser Aktion gewann Martin eine Freifahrt auf der Мир in der Nacht.

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Hering im Pelzmantel

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Der Beginn eines wunderbaren leichten Frühstücks

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Ostern auf russisch

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Die Kerle ähneln sich eben doch in manchen Dingen überall auf der Welt: Feuer machen, drumrumstehen, dünnes Zeug erzählen!

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Wir haben die Spieße später fair geteilt: viereinhalb für uns und eineinhalb für den Prof und seine Eltern :-D

Nun gut, am Montag hielten wir dann wieder einen Vortrag in Ольгаs Kurs. Da Таня mittlerweile in Пермь angekommen war, entschloss sie sich, uns beizuwohnen, was für einige Nervosität sorgte. Auch das anschließende Gespräch war zuweilen eine Gratwanderung für’s Gemüt. Insgesamt verlief es aber befriedigend, höhö.

Eigentlich heißt es: Sonne macht albern. Allerdings scheint hier eher die Sonne albern zu sein, da der Himmel nur etwa 25 Minuten benötigt, um seinen Zustand von wolkenfrei in völlig zugezogen zu ändern. Martin hat mittlerweile den Grund für die eigenartige Verkleinerung seiner Stiefel gefunden: Seit Tagen wunderte er sich, warum in den Schuhen, selbst mit dünnen Socken kaum noch Platz ist. Auf der Suche nach seinem zweiten Paar Einlegesohlen kam er dann drauf: das zweite Paar war schon drin… Sonne macht eben doch albern.

02. Mai Donnerstag, 65. Tag

Die Western-Union-Filiale war unser erstes Ziel. Doch, so ist es Brauch, die war geschlossen. Also besorgten wir eine Glasschüssel für unser Präsent, welches wir Николай Николаевич’s Eltern überreichen wollen. Eben jener hat uns nämlich eingeladen, Freitag bis Sonntag seine Eltern heimzusuchen. Ganz wie es russische Sitte ist, hatte er nämlich einen Scherz gemacht: „Ich glaube, DIESES Wochenende ist es in der Stadt Пермь langweilig.“ Nunja, da hat er recht, allerdings wäre der Nachweis fehlender Aktivität an allen Wochenenden durch vollständige Induktion durchaus ebenso möglich.

Wie dem auch sei, anschließend trafen wir Ольга, welche im „Кофе Citi“ die Übersetzung unseres Vortrages korrigierte, damit wir uns am Montag nicht vollends zu Deppen machen.

Etwas Tragisches hat sich heute auch noch ereignet: wir mussten feststellen, dass es das „oldschool“ auf dem Campus, genau neben unserem Wohnheim nicht mehr gibt! Ok, der dort verkaufte Kaffee hatte kein Koffeein und die Bude schloss schon um 20.00 (sonntags wurde gar nicht geöffnet), weshalb wir nur zweimal drin waren. Aber irgendwie war es doch schön zu wissen, dass es da noch was gab, was zumindest versuchte, cool zu sein. Nun hat es auch diese letzte (und einzige) Bastion des Studentenlebens auf dem Campus erwischt.

Ganz ehrlich und ohne Spaß, das macht uns traurig, ist irgendwie symbolisch für diese ganze russische Art, Student zu sein, möglichst langweilig und nichtssagend. Wozu so was führt, haben wir heute auch gesehen: Einen der Angestellten trafen wir als Zuschauer im Theater. Vom Studentenjob direkt in die Theaterloge, so traurig sieht’s mit Russlands Jugend aus. Warum wir dort waren? Etappe zwei unserer großen Kultur-Reise. Ein Symphoniekonzert gab’s zu sehen und zu hören. Wie schon beim letzten Mal parkten die reichen Russen ihre Zuhälterkisten direkt vorm Opernhaus, so muss das sein, zwischen Eingang und Ленин-Denkmal. Auch dies wieder mal typisch: Es ist noch nicht überall angekommen, dass man sich Stil nicht kaufen kann. Aber mit der Sonnenbrille auch bei Regen, das Wetter ist hier wechselhafter als jedes Frauengemüt, lässt sich wohl auch das gut übersehen.

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Мы лубим музику!

01. Mai Mittwoch, 64. Tag

Tatsächlich standen wir schon um zwölf (!) in der Innenstadt und tatsächlich paradierten noch Gruppen. Doch da, wo früher vermutlich Lenin-Banner geschwenkt, mit FDGB-Wimpeln gewunken und Postuniformen getragen wurden, spazierten heute in lockerer Schlachtordnung Lukoil-Werbebanner und Telefonbetreiber-Plakate an uns vorbei. Hinter den Fahnenschwenker der Großbanken, welche zu Gangnam-Style ihre Ballons an uns vorbeitrugen, fanden wir dann doch tatsächlich noch einen Haufen streitbarer Anhänger der “Kommunistischen Partei der Russischen Föderation”.

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Maskottchen der neuen Клюква-Bank

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Kommunistische Partei der Russischen Föderation

Völlig entkräftet aufgrund des zeitigen Aufstehens frühstückten wir danach erstmal im Wohnheim und Martin bettete sich dann noch mal zwei Stunden zur Ruhe, was durch die Stille auf dem Gang gefördert wurde. Der Abend ging für die Übersetzung unseres Vortrages am Montag drauf.

30. April Dienstag, 63. Tag

Es ist still bei uns, sehr still. Am heutigen Tage sahen wir viele Studenten über den Campus hetzen. Auch Юлияна war mit einer großen Tasche unterwegs und eilte zum Ausgang des Unigeländes. Morgen ist nämlich, wie jeder weiß, Tag der Arbeit, deswegen verlängern nahezu alle Studenten und Mitarbeiter ihr Wochenende und treten die Heimreise an. Auch die Vorlesung bei unserer Professorin fiel aus, so dass wir Tonis Flugzeugtickets und unsere Unterkünfte für Mai buchen konnten, bevor wir uns zur Hydrobiologievorlesung aufmachten. Tja, das war es dann auch schon fast wieder.

Um halb elf am Abend befanden wir aber, dass es genug sei mit der Rumsitzerei und luden Павел, den fast einzigen verbleibenden Mitbewohner, auf ein schnelles Getränk im „beer house“ ein. Diese Kneipe hatten wir nie zuvor betreten, was vielleicht ganz gut war. Statt der in der Karte ausgezeichneten 15 Biersorten gab es 2 (zwei). Der Ober (er erschien allerdings eher wie ein Unter) vergaß, uns die bestellten Brotstäbchen zu bringen und rechnete die Getränke falsch ab, so dass wir mitsamt reichlichem Trinkgeld unter der eigentlich zu bezahlenden Summe lagen. Was soll man da noch sagen? Auf dem Rückweg fragten wir Schnitzeljäger nach ihrer Tätigkeit und befanden uns rechtzeitig wieder im Wohnheim.

Павел teilte uns mit, dass morgen eine Parade in der Stadt stattfinden wird. Oder wird statt einer Parade eine Stadt finden? Oder wir die Parade statt einer Stadt eine finden? Wir wissen aber nicht, ob wir es rechtzeitig schaffen werden, uns bis dahin auf die Hauptstraße zu begeben. Schließlich soll es schon um zehn losgehen und derart zeitiges Aufstehen sind wir einfach nicht mehr gewohnt.

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Ja, richtig gesehen, in der rechten Hand hat er einen Pinsel, um das Logo zu putzen

29. April Montag, 62. Tag

Der Tag war wieder klasse. Lange geschlafen, um viel vom Tag zu vertrödeln und dann zur Wäscherei gefahren. Danach stand OL auf dem Plan und dann die Vorbereitung unseres zweiten Vortrages bei Olga. Also eigentlich überschaubar, hätte nicht eine Mail vom ISI die stets verachtete aber fast schon heilig gewordene Ruhe am Abend erschüttert. Ach und auch noch ganz krass: Wir haben verpennt, uns neue Bettwäsche geben zu lassen!

Nach solcher Hektik bleibt uns nur, in die Betten zu verschwinden, um uns vom Stress zu erholen.

28. April Sonntag, 61. Tag

Was für ein Tag! Gegen Mittag endlich aus dem Bett gequält, um rechtzeitig Getränke für das Treffen mit Juliana zu besorgen. Unsere Biologiekollegin hatte Борщ vorbereitet, welcher äußerst bekömmlich war. Nach einigem Austausch von Informationen, welche wohl vor allem für Frauenohren bestimmt waren, trafen wir uns mit Ольга und ihrer Freundin Виктория um wieder mal Olgas Wohnung zu belagern. Vorher besorgte sich Martin noch einen Kompass für den Orientierungslauf im Werte von vier Euro. Naja, wohl eher zum Preis von vier Euro, ob er das wert ist, wird sich noch zeigen müssen.

Nach mehreren Stunden, die sich entgegen Martins Befürchtungen nicht nur auf Frauenkram reduzierten, traten wir die Heimreise in einem Taxi an. Wir hätten auch mit dem Bus vorlieb genommen, aber es ist vermutlich nicht die schlechteste russische Tradition nachts nicht den Bus zu benutzen.

27. April Samstag, 60. Tag

Wir sind wieder mal, in Ermangelung hehrer Ziele unseres Tuns, spät aufgestanden.

Der Einladung Larissas zum Essen folgend, befanden wir uns erstmals seit unserer Ankunft in einem Zimmer unserer Nachbarn. Hier lernten wir dann auch die Probleme kennen, die sich durch das Wohnen dreier sich unbekannter Personen wohl zwangsläufig ergeben und wohl überall auf der Welt gleich sind. Die Korridorgemeinschaft aus geschätzten 50 Menschen ist nicht einfach nur eine Ansammlung von Dreiergruppen, sondern stellt tatsächlich ein komplexes Gefüge aus Hormonen, Studiengängen und Interessen dar.

26. April Freitag, 59. Tag

Ein Freitag stand wieder mal an! Freitag bedeutet eigentlich, Körperfunktionen schon mal runterfahren, da die Wochenenden meist ereignisloser sind als die Wochentage, zumal der Wohnheimkorridor nun ständig leergefegt ist, da scheinbar alle lernen müssen.

Doch nicht so an diesem Freitag: Er begann schon um zehn damit, dass sich Martin aufmachte, was für’s Frühstück zu besorgen. Es gab das, was es seit unserer Ankunft hier in Пермь jeden Tag gibt: Brot aus der Tüte (nicht weiß, nicht schwarz), dazu Käse (immer den gleichen) und eine Wurst, welche wie Salami aussieht, aber wie harte Blutwurst schmeckt. Отлично! Aus Mangel an Alternativen und weil’s gestern doch ganz unterhaltsam war, besuchten wir Teil II der Konferenz, diesmal gab’s nur fünf Vorträge.  Николай Николаевич hatte wieder mal eine Überraschung für uns parat: er bat uns, ein paar abschließende Worte an alle zu richten. Höhö, kein Problem für uns! Zumindest mussten das wohl unsere Kollegen denken, da wir locker ein paar Sätze runterspulten, die wir uns in den zwei Minuten davor hektisch aus dem Kreuz geleiert hatten.

Am Nachmittag traf sich Martin mit Валентин, dem euphorischen Studenten aus dem OL-Verein, um mit ihm zum Training zu fahren. Nach nur fünf Kilometern schnellen Laufens war schon Schluss, diese waren für Martin aber doch anstrengend, schließlich musste er laufen, denken und  dann russisch dabei sprechen. Endlich mal wieder Sport gemacht, mal wieder verausgabt, mal wieder im Wald gewesen, war geil!

Лариса erschien am Abend gewohnt stilsicher in unserem Zimmer mit schlechten Neuigkeiten: Die Grillveranstaltung morgen wird durch eine Auf-dem-Herd-Brat-Veranstaltung ersetzt, weil es regnet. Scheinbar sind die meisten unserer Nachbarn wirklich noch nicht lange in Пермь, sonst müssten sie wissen, dass es hier jeden Tag regnet!